Unbenannt-1

Silvesterliebe

Das erste Kapitel als Leseprobe: Quelle Eisermann Verlag

 

Kapitel 1

»Haben Sie auch Urlaub gehabt, oder sind Sie von hier?«

»Weder noch.« Caitlin ließ den Liebesroman sinken, mit dem sie

sich während der Flugzeit die Zeit vertreiben wollte, und schenkte

der älteren Dame auf dem Mittelplatz ein Lächeln.

»Ich habe in den letzten Jahren an der Westküste gelebt, aber

jetzt zieht es mich wieder nach Deutschland zurück.«

»Bestimmt die Liebe, oder?« Die Dame lächelte vielsagend.

»Nein.« Caitlin beschränkte sich auf ein unverbindlich freundliches

Lächeln und sah aus dem Fenster, um weiterem Small Talk

zu entgehen. Sie hatte keine Lust, ihrer neugierigen Sitznachbarin

zu erzählen, warum sie ein eigenes Haus am Strand gegen eine

ungewisse Zukunft in einem unscheinbaren Städtchen in der Eifel

tauschte.

Die Liebe war es mit Sicherheit nicht. Eher die Hoffnung, dass sie

endlich den Mut fand, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

Vielleicht war es aber auch nur ein unrealistischer Traum, der sich

in den letzten vier Jahren stetig weiterentwickelt und als mögliche

Zukunft herauskristallisiert hatte.

Baile Átha Cliath. Ihr letzter Blick gehörte Dublins irischem

Namen auf dem Flughafengebäude, das schemenhaft hinter einer

Wand aus Nieselregen zu erkennen war. Ihr Blick verschwamm

und die aufgekratzte Stimmung, die sie gestern beim Kofferpacken

befallen hatte, wich Melancholie. Erinnerungen tauchten auf. An

den letzten Rundgang durch das Cottage, an Paddy, den alten Friedhofsgärtner,

der sich um das Familiengrab kümmern würde, sowie

an den Abschied von liebgewonnen Freunden. Von Pete, der sie

gerne im Shamrock weiterbeschäftigt hätte, und von seiner Frau

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Eileen, die sogar geweint und gefragt hatte, ob sie nicht wenigstens

so lange bleiben könnte, bis Kind Nummer vier das Licht der Welt

erblickte.

Gefühlt alle Einwohner von Ennislakes, diesem verschlafenen Ort

an der irischen Westküste, waren vor zwei Tagen zur Abschiedsparty

in Petes Pub gekommen, doch den letzten Abend vor der

Abreise hatte sie allein verbringen wollen. Sie war zu Daddys und

Grandmas Grab gegangen, um sich auch von ihnen zu verabschieden.

Und um sich innerlich darauf vorzubereiten, ihrer verdrängten

Vergangenheit erneut zu begegnen.

Langsam rollte die Maschine zur Startbahn. Das Flughafengebäude

wurde kleiner und verschwand gänzlich hinter der Wand aus

feinen Regentropfen. Die Sicherheitsansage des Personals streifte

nur kurz ihr Bewusstsein, während sie den Kopf an ihre zusammengeknüllte

Strickjacke lehnte. Sie ließ ihre Gedanken treiben,

um von ihrer gar nicht mehr so weit entfernten Zukunft zu

träumen.

Sie schreckte hoch, als sie ein dezentes Anstupsen ihrer Nachbarin

an der Schulter spürte. Ihr Puls raste und Fetzen von Bildern

aus ihrem Traum flackerten auf. Es war dunkel gewesen, sie hatte

sich nicht bewegen können und eine Stimme, die sie nur zu gerne

vergessen würde, hatte leise gelacht.

Sie riss sich zusammen und versuchte, ihre Atmung durch einen

Blick aus dem Fenster zu beruhigen. Ihr Flieger befand sich bereits

im Landeanflug auf den Düsseldorfer Flughafen und sie straffte die

Schultern. Sie war wieder zu Hause!

Nachdem ihr Pass kontrolliert worden war und sie ihre Koffer

vom Gepäckband genommen hatte, sah sie sich suchend im Ankunftsbereich

des Düsseldorfer Flughafens um. Irgendwo musste

der Weg zum Ausgang sein, von dem aus ein Shuttlebus sie zum

Bahnhof bringen würde. Ihre beiden Rollenkoffer schienen Goldbarren

zu enthalten. Was zum Teufel hatte sie bloß alles eingepackt?

Vor vier Jahren hatte sie hier mit deutlich leichterem Gepäck, aber

schwererem Herzen gestanden.

Bei der Bemühung, mit jeder Hand einen Koffer zu ziehen, geriet

sie ins Schwitzen. Dazu kamen der schwere Rucksack und die

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Notebooktasche, die bei jeder falschen Bewegung von der Schulter

rutschte. Wenn sie sich vorstellte, dass sie von hier aus mindestens

drei Mal umsteigen musste, bevor sie zu Hause ankommen würde,

ärgerte sie sich, dass sie nicht Mamas Angebot angenommen

hatte, sie mit dem Wagen abzuholen. Aber sie musste ja unbedingt

beweisen, dass sie mit fünfundzwanzig alt genug war, um allein

zurechtzukommen.

In der Ankunftshalle herrschte ein ohrenbetäubender Lärm.

Eine Mutter versuchte vergeblich, ihr schreiendes Baby zu beruhigen,

ein hagerer Mann in einem schwarzen Jackett schimpfte

lautstark in sein Smartphone. Auffällig viele Mädchen und junge

Frauen wuselten hektisch umeinander und hielten Plakate

mit aufgemalten roten Herzen oder Namen in den Händen. Ein

Mädchen, mit Sicherheit nicht älter als vierzehn oder fünfzehn,

trug trotz der herbstlichen Temperaturen nur ein T‑Shirt mit dem

Aufdruck Ben, ich liebe dich! Caitlin musste schmunzeln. Was

für ein berühmter Schauspieler oder Sänger wurde hier wohl

erwartet?

Es war mühsam, gegen den dichten Menschenstrom zu schwimmen,

der ihr unablässig entgegenkam. Zu allem Überfluss rutschte

ihr auch noch der Hut in die Stirn, und irgendwann prallte sie

mit dem Koffer gegen einen jungen Mann, der gerade noch seine

Kamera festhalten konnte.

»Sorry, tut mir leid«, beeilte sie sich zu sagen, doch nach seinem

ersten Stirnrunzeln musterte er sie mit einem anzüglichen Lächeln.

Auch wenn sie diese Blicke gewöhnt war – es ärgerte sie trotzdem

jedes Mal aufs Neue. Ihre feuerroten Haare, die ihr bis weit über

die Schulter fielen, waren ein Blickfang und für so manchen Mann

der Anlass, sie in die Schublade mit der Aufschrift Leichte Beute zu

stecken.

Verstimmt wandte sie sich ab und schob zum hundertsten Male

den Tragriemen über die Schulter. Sie kämpfte sich weiter, bis

sie schließlich in einem Pulk kreischender Teenies eingekeilt war.

Nichts ging mehr.

»Weißt du, was hier los ist?«, fragte Caitlin ein Mädchen, das ein

Smartphone über ihrem Kopf hochhielt.

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»Four Lives!«, japste sie.

»Was ist das?«

Der Kopf des Mädchens schnellte herum. »Die kennst du nicht?

Oh Mann, die sind doch so was von mega angesagt! Four Lives, das

ist die krasseste, coolste Rockband in ganz Deutschland. Mit Richie.

Ich liebe Richie, er ist … ohh! Ohh da! Da! Da kommt er, der mit

der blauen Kappe, und da sind auch die anderen. Oh mein Gott!«

Ihr Gesicht war hochrot und ihre Augen schimmerten. Wenn die

Kleine sich weiter so aufregte, würde sie noch hyperventilieren.

Caitlin hatte schon viel gelesen über hysterische Fans, die den Stars

nachreisten oder ihnen am Hotel oder Flughafen auflauerten, nur

um einen Blick auf sie zu erhaschen. Inzwischen war sie aber selbst

neugierig geworden, wer so berühmt war, dass er den Betrieb in

der Ankunftshalle eines großen Flughafens beinahe zum Erliegen

brachte.

Dieser von dem Mädchen so heiß geliebte Richie trat als Erster

in ihr Blickfeld. Er wurde, wie die nachfolgenden Männer, abgeschirmt

von bulligen Typen, denen man den Bodyguard schon von

Weitem ansah. Neben Richie versuchte eine zierliche junge Frau mit

kurzen weißblonden Haaren, Schritt zu halten. Sie musste ebenfalls

berühmt sein, denn die Fans skandierten auch ihren Namen, Tessa

oder so ähnlich. Drei weitere Männer, einer verwegener aussehend

als der andere, liefen zügig an der Menge vorbei, grüßten oder

winkten ihren jugendlichen Anhängern freundlich zu.

Caitlin stieß ihre Informantin an. »Und wer sind die anderen?«

»Der mit den blonden langen Haaren, das ist Jan, der spielt Keyboard.

Der Große dahinter mit der Stoppelfrisur ist Tom, der ist

Schlagzeuger.« Aufgeregt reckte sie sich und hielt mit der Handykamera

auf die Gruppe. »Der dahinter mit dem Vollbart und

der verspiegelten Sonnenbrille ist Ben, der ist fast so cool wie

Richie.«

»Ich finde den Keyboarder cooler.« Eine andere junge Frau neben

ihr hielt ebenfalls ihr Smartphone in die Höhe und zeigte auf den

Blonden. »Der ist wenigstens auf dem Teppich geblieben. Dieser

Ben, das ist so ein Typ, der …« Sie grinste. »Angeblich soll der jeden

Abend ein anderes Groupie flachlegen.«

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Nachdem die Bandmitglieder hinter einer Absperrung verschwunden

waren, löste sich die Menge recht schnell auf. Lediglich

die Kleine, die diesen Richie so angehimmelt hatte, stand noch

neben ihr. Dicke Tränen kullerten ihr die Wangen hinunter.

»Ist das nicht der Wahnsinn?«, schluchzte sie. »Ich habe Richie

in echt gesehen! Ich war so nah dran!« Mit zitterigen Fingern

fummelte sie an ihrem Handy herum. »Das muss ich sofort Jule

schicken, die wird sowas von neidisch werden.«

Caitlin konnte sich nicht daran erinnern, jemals so intensiv einen

Star bewundert zu haben, und kam sich plötzlich uralt vor. Sie hörte

das, was täglich im Radio rauf und runter gespielt wurde, doch wer

die Sänger oder Bands waren, interessierte sie nicht. Außer für

klassische Musik, die sie wirklich liebte, begeisterte sie sich nur

noch für irische Folksongs, wie sie live im Shamrock dargeboten

wurden.

Der Gedanke an Petes Pub ließ sie lächeln. Sie schob den Riemen

der Notebooktasche wieder über die Schulter und sah sich um. Nun

entdeckte sie auch die Hinweisschilder für den Shuttlebus und griff

nach ihren Koffern.

»Hallo Liebes.«

Abrupt blieb sie stehen, sodass ihr die Laptoptasche erneut von

der Schulter rutschte. Sie wandte sich um. Mama! Blitzartig war sie

wieder vier Jahre jünger und ein schüchternes rothaariges Mädchen

mit Sommersprossen.

»Was machst du denn hier?«, rutschte es ihr heraus.

»Das ist aber nicht die Begrüßung, die ich erhofft hatte.« Ihre

Mutter Hilde breitete die Arme aus. »Aber dann ist mir die Überraschung

wenigstens gelungen. Herzlich willkommen zurück.«

Sie drückte Caitlin fest an sich und hielt sie dann ein wenig von

sich ab, um sie ausgiebig zu mustern. »Gut siehst du aus. Aber

trägst du kein schwarz?«

»Ach Mama, Grandma ist doch schon im April gestorben, und

jetzt haben wir September. Außerdem muss man kein schwarz tragen,

um zu demonstrieren, dass man um einen Menschen trauert.«

Sie tippte mit dem Zeigefinger an ihren Hut, der die Farbe reifer

Pflaumen besaß und eine der Lieblingskopfbedeckungen ihrer

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Großmutter gewesen war. »Ich bin halt bunt, und ich weiß, dass

Grandma das verstehen würde. Sie würde nicht wollen, dass ich

mich monatelang hinter einer Nichtfarbe verstecke.«

»Schon in Ordnung«, erwiderte Hilde und strich ihr liebevoll

über die Wange. »Ich weiß ja, dass du sie sehr gern gehabt hast.«

Caitlin schluckte und straffte die Schultern »Hast du heute frei

bekommen?«

»Ich hatte noch ein paar Überstunden. Und da dachte ich mir, ich

hole dich lieber ab, bevor du plötzlich in einem Zug nach Hamburg

oder München sitzt.«

Caitlin schnaubte. Das würde ja heiter werden, wenn sie die

nächsten Tage oder sogar Wochen wieder bei ihrer Mutter wohnen

musste. Obwohl inzwischen fast fünf Jahre vergangen waren, seit

sie von daheim ausgezogen war, sorgte sich Mama noch immer um

sie wie um ein unmündiges Kind.

»Du solltest besser dein Handy einschalten.« Mama nahm ihr

den Tragebügel des kleineren Koffers aus der Hand. »Ich hatte

Schwierigkeiten, dich in diesem fürchterlichen Durcheinander zu

finden.«

»Irgendeine Rockband ist hier gerade vorbeigekommen. Four

Lives oder so.«

»Muss man die kennen?« Ihre Mutter zuckte mit den Schultern.

»Lass uns besser fahren, bevor der Feierabendverkehr losgeht.«

Geschickt manövrierte ihre Mutter den Wagen durch die Tücken

des Parkhauses, fand mühelos den Weg zum richtigen Autobahnzubringer

und fädelte sich dort direkt auf die Überholspur ein. Caitlin

war froh, nicht selbst fahren zu müssen, zumal sie sich vom Linksverkehr

noch nicht ganz verabschiedet hatte.

Auf der Fahrt nach Heimersbach beschränkten sich ihre Themen

zunächst auf unverfänglichen Small Talk. Mama erkundigte sich

nach Grandmas Beerdigung, dem Flug und erzählte von einem

neuen Kollegen, der vor einer Woche begonnen hatte. Nach einer

kurzen Gesprächspause räusperte sie sich und Caitlin wusste, dass

ein Themenwechsel angesagt war.

»Du solltest dir mal Gedanken über eine Arbeitsstelle machen«,

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Mama warf ihr einen Seitenblick zu, »oder eine vernünftige Ausbildung.

«

»Natürlich habe ich schon darüber nachgedacht«, erwiderte

Caitlin leicht verärgert, »aber ich wollte mir Zeit lassen. Vielleicht

suche ich mir übergangsweise einen Job und …«

»Übergang? Wohin?«

»Bis ich etwas Dauerhaftes gefunden habe.« Um nichts in der

Welt würde sie ihrer Mutter jetzt schon erzählen, was ihr für die

Zukunft vorschwebte.

Ihre Mutter räusperte sich erneut und sah ungewohnt verlegen

aus. »Ich habe zufällig letzte Woche von einer Stellenanzeige gehört.

Bei Schröder suchen sie jemanden für den Empfang.«

»Also etwas Repräsentatives?«

»Genau.« Mama nickte beflissen. »Und für die telefonische Terminvergabe.

Ich dachte, das könnte für dich geeignet sein, weil

die ja so viele Kunden aus Großbritannien haben, also wegen deiner

Englischkenntnisse. Ich habe mal ein bisschen meine Fühler

ausgestreckt.«

»Was heißt das?« Caitlin setzte sich aufrecht hin. »Du hast doch

wohl noch nichts in die Wege geleitet?«

»Naja, nicht direkt, aber …« Ein Hauch von Rosa überzog Mamas

Gesicht. »Der Personalchef meinte, er würde sich freuen.«

»Lass mich raten.« Caitlin spürte Ärger hochbrodeln. »Du hast

für mich ein Vorstellungsgespräch vereinbart?«

Mama lächelte ein bisschen schief. »Morgen Nachmittag um drei.

Ich hoffe, du hast etwas Passenderes zum Anziehen. So …«, sie

wies auf Caitlins verwaschene Blue Jeans und das bunte Sweatshirt,

»kannst du dich auf keinen Fall dort vorstellen.«

»Mama, verdammt, erstens weiß ich das selbst und zweitens –

darum geht es doch gar nicht.« Caitlin lehnte sich zurück und

verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich bin alt genug, um mir

selbst einen Job zu suchen. Was macht das für einen Eindruck, wenn

eine Mutter für ihre erwachsene Tochter einen Vorstellungstermin

macht?«

»Aber Kind, ich habe es doch nur gut gemeint.«

»Nenn mich nicht dauernd Kind.« Inzwischen war Caitlin richtig

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sauer. Sollte sich in den letzten Jahren nichts geändert haben? War

sie für ihre Mutter immer noch das kleine Mädchen, dem keine

eigenen Entscheidungen zugetraut wurden, weil es sich ja doch

immer falsch entschied?

»Außerdem – guck mich an! Bin ich vielleicht repräsentativ?

Ich besitze weder weiße Blusen noch Kostüme oder Hosenanzüge

im Businesslook. Meine Fingernägel sind unlackiert und ganz

kurz, ich schminke mich selten und überhaupt … da sitzt man doch

bloß herum, telefoniert ein bisschen und wird überwiegend fürs

Gutaussehen bezahlt. So ein stinklangweiliger Job macht garantiert

keinen Spaß, und ich lasse mich nicht von dir in irgendetwas

hineindrängen, nur weil du meinst, es sei das Richtige für mich.«

»Spaß?« Ihre Mutter rümpfte die Nase und sah plötzlich älter aus

als noch vor ein paar Minuten. »Man arbeitet nicht, um Spaß zu

haben, sondern um den Lebensunterhalt zu verdienen. Heutzutage

muss man auch als Frau sehen, wo man bleibt, denn auf die meisten

Männer ist eh kein Verlass. Wenn ich da an deinen Vater denke …«

»Lass es gut sein, Mama. Ich will nicht mit dir über Daddy diskutieren.

«

Ihre Mutter runzelte die Stirn. »Aber trotzdem weißt du, dass du

entweder selbst für dein Leben sorgen oder dir einen Mann suchen

musst, auf den du dich verlassen kannst. Einer, der dir Sicherheit

bietet, vor allem, wenn du Kinder haben möchtest.«

»Ich will keinen Versorger als Mann. Ich will einen Beruf ausüben,

der mir auch nach Jahren noch gefällt, bei dem ich nicht

morgens mit Bauchgrummeln zur Arbeit und am Abend frustriert

nach Hause gehe.«

»Was du bisher an Ausbildungen und diversen Gelegenheitsjobs

begonnen hast, davon könntest du niemals auf eigenen Füßen stehen.

Da ist die Arbeit in einem hoch angesehenen Unternehmen

doch besser als der nächste Gelegenheitsjob, den du sofort hinwirfst,

sobald dich die erste Begeisterung wieder verlässt.«

Caitlin fühlte sich in die Ecke gedrängt. Es ärgerte sie, dass ihre

Mutter in manchen Punkten leider recht hatte. Entnervt seufzte

sie auf und sah eine Zeitlang aus dem Fenster. Ein Kloß saß ihr im

Hals, als sie den Blick wieder nach vorn wandte.

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»Okay, du hast gewonnen. Ich werde pünktlich sein.«

Die weitere Fahrt verlief in einem ungemütlichen Schweigen,

das nur durch die Anweisungen des Navis unterbrochen wurde.

Kurz vor dem Ortseingangsschild von Heimersbach verlangsamte

ihre Mutter die Geschwindigkeit und bog in eine Nebenstraße ab.

»Am Brunnenweg wird schon seit Wochen gebaut«, erklärte sie

ihren Umweg. »Irgendwelche Rohre, die dort verlegt werden. Ich

fahre am Gestüt vorbei, das ist zwar ein bisschen weiter, aber im

Endeffekt schneller.«

Die Straße schlängelte sich durch dichten Mischwald, leicht den

Berg hinauf bis zum Fischzuchtbetrieb von Lindemann, wo Caitlin

als Kind öfter mit Daddy gewesen war, um frische Forellen zu

kaufen. Erinnerungen an eine glückliche Kindheit stiegen in ihr

auf, und plötzlich konnte sie das Nachhausekommen gar nicht

mehr erwarten. Als die letzten Bäume des Walds hinter ihnen lagen,

befand sich linker Hand das Gestüt Vossen, in dem Marie

Reitstunden gehabt hatte. Ob ihre ehemalige Schulfreundin immer

noch das eigene Pferd besaß, mit dem sie damals so angegeben

hatte?

»Stopp«, rief sie plötzlich, und Mama trat so abrupt auf die

Bremse, dass Caitlin in den Gurt gepresst wurde.

»Was ist los?«

»Fahr mal an der Bushaltestelle rechts ran. Guck mal!«

»Warum?«

»Das Haus! Das sieht fast so aus wie Grandmas Cottage.«

»Kind, hast du mich erschreckt. Ich dachte schon, es sei etwas

passiert.«

»Komisch, früher ist mir das nie aufgefallen! Ist es nicht schön?«

»Was?« Ihre Mutter wandte den Kopf nach hinten und runzelte

die Stirn. »Meinst du etwa diese Bruchbude hinter dem Gestrüpp?

Unter Schönheit verstehe ich etwas anderes.«

Caitlin öffnete die Tür und stieg aus. Wilde Brombeeren rankten

über ein breites zweiflügeliges Eisentor, das für ein Auto in der

Mitte zu öffnen war. Darin eingelassen, aber unter dem Gestrüpp

der Brombeeren verborgen, befand sich noch eine kleinere Tür

zum Durchgehen. Hinter dem dornenbewehrten Eingang verbarg

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sich ein Haus mit niedrigen Sprossenfenstern. Die altmodischen

Klappläden an den Seiten würde man heutzutage wahrscheinlich

durch Rollläden austauschen, doch Caitlin war in Gedanken bereits

dabei, die abblätternde Farbe durch einen frischen Anstrich zu

ersetzen.

Neben dem kleinen Tor war ein Schild mit einer Telefonnummer

angebracht.

»Hey, schau mal, es soll verkauft werden.«

»Caitlin!« Mamas Stimme wurde ungehalten. »Steig bitte wieder

ein, mir wird kalt. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie es da drinnen

müffelt. Und mit Schimmel ist nicht zu spaßen. Außerdem – um so

einen alten Kasten halbwegs bewohnbar zu machen, brauchst du

mehr Geld, als er überhaupt wert ist.«

Enttäuschung breitete sich in Caitlin aus, und sie stieg wieder

ein. Aber von finanziellen Dingen verstand sie sowieso zu wenig,

und Mama hatte wahrscheinlich wie immer recht. Doch träumen

durfte man ja wohl?

»Ich weiß ja nicht, wie viel du für das Cottage deiner Großmutter

bekommst«, bemerkte Hilde, als sie wieder unterwegs waren, »aber

ich an deiner Stelle würde das Geld gut anlegen.«

»Ich werde es behalten.« Caitlin atmete durch. »Ich will es renovieren

und an Feriengäste vermieten.«

»Oh, Caitlin! Das ist nicht dein Ernst.« Ihre Mutter schnaubte.

»Wer sollte an so einem trostlosen Ort Gefallen finden? Die wenigen

Urlaube, die ich dort verbracht habe, nur um Daddy und dir einen

Gefallen zu tun, die haben mir schon gereicht.«

»Ich habe von Investoren gehört, die dort den Tourismus ankurbeln

wollen. Immerhin liegt Ennislakes nah am Strand, und das

Cottage hat eine einzigartige Lage mit Blick aufs Meer. Jedenfalls

aus dem Küchenfenster«, setzte Caitlin lachend hinzu.

»Noch ein Grund mehr, das alte Ding zu verkaufen.«

Caitlin schüttelte den Kopf. Ihr Cottage verkaufen? Das Haus, in

dem ihr Vater großgeworden war?

»Weißt du, Mama, Geld ist für mich nicht wichtig. Mit dem

Cottage sind so viele schöne Erinnerungen verbunden, wie die Urlaube

damals mit Daddy oder die ersten Ferien, die ich dort allein

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verbringen durfte. Nicht zu vergessen die letzten Jahre mit Grandma.

Mama, so ein Haus, das hat eine Seele, das kann Geschichten

erzählen.«

Sie schwieg, denn das waren Emotionen, die ihre Mutter niemals

würde nachempfinden können. Daddy hätte sie verstanden.

Hilde murmelte etwas Unverständliches, und eine Zeitlang saßen

sie schweigend nebeneinander.

»Was ist mit dem Rest?«, nahm ihre Mutter das Gespräch wieder

auf. »Waren da nicht noch etliche Wiesen und ein anderes

Grundstück am Strand?«

»Verkauft!« Triumphierend weidete Caitlin sich an ihrem verblüfften

Gesichtsausdruck. »Etwas über Neunzigtausend habe ich

dafür bekommen.«

»Nicht schlecht.« Ihre Mutter zog überrascht die Augenbrauen

hoch. »Dann hast du ja doch etwas, das du anlegen kannst. Vielleicht

in einem Bausparvertrag? Frag doch mal Georg, der hat sich

übrigens vor ein paar Tagen nach dir erkundigt.«

Caitlin erschrak. »Niemals!« Wieso rief Georg ihre Mutter an?

»Warum nicht?« Hilde bremste an einer Ampel. »Er hat mir

damals so leidgetan, als du ihm den Laufpass gegeben und die

Verlobung platzen lassen hast.«

Leidgetan? Er hatte es nicht anders verdient, als sie so schnell

wie möglich ihre Koffer gepackt hatte und nach Irland geflüchtet

war. Aber warum sie damals keine andere Lösung sah, sich aus

dieser Beziehung zu befreien, konnte ihre Mutter natürlich nicht

ahnen. Trotzdem ärgerte es sie, dass Mama nur Georg als den

Leidtragenden darstellte. Immerhin hatte sie auch eine Trennung

erlebt.

Angeblich sollte es helfen, wenn man mit jemandem über unbewältigte

Probleme redete, jemandem sein Herz ausschüttete. Doch

sie konnte nicht über Georg sprechen, mit niemandem und mit

Mama schon gar nicht. Nach ihrer Flucht hatte sich jedes Mal eine

entsetzte Sprachlosigkeit ausgebreitet, sodass sie im Laufe der

Jahre beschlossen hatte, ihre Erinnerungen zu begraben und sich

mit angenehmeren Themen zu beschäftigen. Verdrängung statt

Bewältigung nannte man das wohl.

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»Ich … will nichts mehr mit ihm zu tun haben.« Caitlin rutschte

ganz tief in ihren Sitz. »Außerdem habe ich genug eigene Ideen,

was ich mit dem Geld anfangen könnte.«

Mama lachte kurz auf und begann, von sicheren Geldanlagen,

schlechten Zeiten und Altersarmut zu reden. Ob sie dabei an ihre

eigene Rente dachte, die sie bald erwartete und die vielleicht nicht

allzu üppig ausfallen würde? Doch Caitlin war es egal, ob sie bei

einer Bank drei oder vier oder gar keine Prozente bekäme, da sie

sich noch nie viel aus Geld gemacht hatte. Nur dieses kleine Haus,

diese angebliche Bruchbude, das ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.

Ob man so ein Häuschen nicht auch als eine Art Alterssicherung

bezeichnen könnte? Immerhin brauchte sie dann als Eigentümerin

keine Miete zahlen.

Während der Fahrt durch die Stadt begleiteten die Bilder sie

vor ihrem inneren Auge, sie sah die Bäume mit ihrem herbstgoldenen

Laub und die Klappläden vor den niedrigen Fenstern. Dem

Häuschen verliehen sie ein romantisches Flair, genau wie die alte

Holzbank, die einladend neben der Haustür gestanden hatte. Ob

vielleicht ein Garten dazu gehörte?

»Traumtänzerin«, hörte sie ihre Mutter leise sagen und Caitlin

seufzte. Vielleicht war es doch besser, sich zuerst um einen Job, ein

Auto und eine kleine Wohnung zu kümmern, statt sich in ihren

Fantasien zu verlieren.