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Trommelfeuer

Der zweite Teil der Four Lives Trilogie.

Als Drummerin Tessa Tardos erfährt, dass die berühmteste deutsche Rockband „Four Lives“ einen Ersatz für den erkrankten Schlagzeuger Tom sucht, ist sie sofort Feuer und Flamme. Auf der Europatournee der Band kann Tessa nicht nur in ihrer großen Leidenschaft, der Musik, aufgehen, sondern auch endlich ihre Sorgen um ihre kranke Mutter wenigstens für einen kurzen Moment vergessen. Wäre da nicht Bassist Richie, der ihr bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Gefühl vermittelt, dass sie für ihn nicht mehr als eine schlechte Zweitbesetzung ist. Tessa will das Problem mit dem attraktiven Musiker endlich aus der Welt schaffen und stellt ihn nach einem Konzert in seinem Zimmer zur Rede, ohne zu ahnen, dass diese Nacht ihr Leben für immer verändern wird …

 

 

 

TessaLeseprobe:

01.

Warum hatte Cleo sie nicht gewarnt, dass man auf schwindelerregenden High Heels stundenlang üben musste, bevor man die Technik des Gehens beherrschte?

Heute Abend fand die erste After-Show-Party ihres Lebens statt, Tessa war perfekt geschminkt und frisiert und ausgestattet mit einem zwar geliehenen, aber hinreißend schönen Abendkleid und dazu passenden Silberglitzerschuhen. Und kaum dass sie den Aufzug verlassen und das Foyer des Hiltons betreten hatte, war sie bereits über ihre eigenen Füße gestolpert.

Glücklicherweise bemerkte nur eine neben ihr stehende Frau das Beinahe-Unglück und hielt sie am Ellbogen fest.

„Danke.“ Tessa lächelte die Dame im Hosenanzug an. „Sie haben mich gerettet.“

„Gern geschehen. Bist du nicht Tessa Tardos, die Drummerin von Unlimited?“

Tessa war irritiert und geschmeichelt zugleich. Vor ein paar Stunden erst hatte sie mit ihrer Mädchenband den Newcomerpreis in der Sparte Rockmusik erhalten, und schon wurde sie erkannt? Nach einem Blick auf den Plastikanstecker am Revers der Dame wusste sie, warum: Presseausweis Promi-Welt – Sabrina Beck.

„Stimmt.“ Mist, was sagte man jetzt? Erwartete die Reporterin von ihr irgendeine Art Konversation?

Erlösung kam in Gestalt einer grazilen Frau in einem goldglänzenden, bis zum Bauchnabel ausgeschnittenen Abendkleid, die sich aus dem Menschengewusel herausschälte und auf die Reporterin zuging. Begrüßung mit den üblichen Küsschen und einem aufgesetzten Lachen, welches den besten aller Zahnärzte dokumentierte.

„Ich komme gleich noch bei euch vorbei“, rief Frau Beck beim Gehen Tessa über die Schulter zu. „Nur ein kleines Interview.“

Und schon waren die beiden Frauen in der Menge verschwunden.

 

Obwohl bereits kurz nach Mitternacht, drängelten sich Trauben von hungrigen Menschen vor den Buffettischen. Promis und die, die meinten, es zu sein, stürzten sich auf die erlesenen Häppchen, als gäbe es am nächsten Tag nichts mehr zu essen. Tessa stakte vorbei an Models und Schauspielern, die sie aus dem Fernsehen kannte, an einem Moderator, der ihr auf den Busen starrte, und einer Sängerin, die vor ein paar Stunden ebenfalls einen Preis in Empfang hatte nehmen dürfen. Im Stillen verfluchte Tessa die hohen Absätze und wünschte sich ihre Lieblingssneakers an die Füße. Sie wollte nur schnell zum Buffet, ihr Magen knurrte, und sie freute sich auf die Köstlichkeiten, die in spätestens einer Minute auf ihrem Teller liegen würden.

Plötzlich stockte ihr der Atem. Eiswürfelkalt lief ihr etwas Flüssiges in den Nacken. Sie schrie auf, zog den Kopf zwischen die Schultern und drehte sich blitzschnell um. Für diese Aktion waren die hohen Absätze jedoch nicht geeignet, und sie strauchelte. Bei dem Versuch, sich irgendwo festzuhalten, stieß sie gegen ein Tablett, ein Teller sprang hoch, prallte an ihrem Busen ab und landete mit lautem Scheppern auf dem Fußboden, während sich gleichzeitig etwas Glitschiges auf ihrem Dekolleté verteilte.

Tessa sah an sich herunter und erstarrte. Lauter kleine Garnelen in rosafarbener Soße verteilten sich auf ihrer nackten Haut und rutschten langsam nach unten.

Richie„Scheiße!“, entfuhr es ihr. Unfähig, sich aus der Schockstarre zu lösen, hob sie nur den Kopf und hielt den Atem an. Vor ihr stand leibhaftig Richie Olivieri, Bassgitarrist der angesagtesten Band Deutschlands und nach Umfrage einer Teeniezeitschrift auf der Liste einer der Sexyest Rockstars.

„Entschuldige bitte.“ Seine Augen waren dunkel wie Bitterschokolade und die schwarzen Haare perfekt unordentlich gestylt. Um seine Mundwinkel zuckte es, und er sah aus, als würde er gleich anfangen, zu lachen.

Das fand er doch wohl nicht witzig? Er überschüttete sie mit Bier und Salatsoße, ihr Kleid war hinüber, und er machte sich über sie lustig? Das eiskalte Bier war ihr inzwischen den Rücken hinunter bis in den Slip gelaufen. Sie hätte heulen können, doch sein amüsiertes Grinsen, egal ob er jetzt ein berühmter Rockstar war oder nicht, machte sie stinksauer.

„Das darf doch wohl nicht wahr sein! Wie ich jetzt aussehe!“, fuhr sie ihn an. „Steh nicht so blöd herum. Mach was!“

Ein Kameraverschluss klickte.

Plötzlich wurde sich Tessa der umstehenden Zuschauer bewusst, die sie mit unverhohlener Neugierde anstarrten und deren Blicke ihr im Gesicht brannten. Wo war das berühmte Loch im Boden?

Richies Blick schien inzwischen auf ihrem Dekolleté festzukleben, und sein Grinsen wurde breiter. „Der Salat, ich meine, die Garnelen, also, ich könnte …“ Er nahm eine Serviette und näherte sich damit ihren Brüsten, zwischen denen die Sauerei langsam verschwand.

Tessa zuckte zurück. „Finger weg!“ Sie riss ihm die Serviette aus der Hand und versuchte, die glitschige Masse auf dem Weg nach unten aufzuhalten.

„Hör mal, es tut mir echt leid.“

„Dann solltest du nicht so unverschämt grinsen. Findest du das etwa lustig? Mein Rücken ist klatschnass, und es stinkt nach Bier. Dazu noch die Sauerei hier vorn … Außerdem“, sie schnupperte, „du scheinst nicht gerade nüchtern zu sein. Kein Wunder, dass du noch nicht einmal dein Tablett festhalten kannst.“

„So ein Quatsch, nicht nach den paar Bierchen.“ Inzwischen war das Grinsen aus seinem Gesicht verschwunden. „Ich bin stocknüchtern. Jedenfalls so gut wie.“

„Das habe ich gemerkt.“

„Hör mal, wenn du ein Problem mit …“

„Kann ich euch helfen?“

Tessa wandte den Kopf. Oh nein! Diese Reporterin hatte wirklich ein untrügliches Gespür für peinliche Situationen, und an diesem Abend schien sie Tessas Missgeschicke regelrecht abonniert zu haben. Dazu kam, dass die Promi-Welt für ihre reißerischen und gar nicht zurückhaltenden Artikel bekannt war.

„Nein danke. Ich geh schnell auf mein Zimmer und ziehe mich um.“ Sie straffte die Schultern, sah noch einmal den Verursacher des ganzen Schlamassels an und versuchte, ihrer Stimme Festigkeit zu verleihen. „Und du, komm mir bloß nicht mehr zu nahe. Wer weiß, was sonst noch passiert.“

Zwischen den Schaulustigen bildete sich eine Gasse für sie, und als Tessa mit wackligen Knien in Richtung Aufzug eilte, betete sie darum, nicht wieder zu stolpern.

 

 

02.

 

„Mensch, Tess, wo hast du die ganze Zeit gesteckt?“ Cleo, Unlimiteds Frontfrau und beste Freundin in einer Person, musterte Tessa mit hochgezogenen Augenbrauen. „Warum hast du dich umgezogen?“

„Weil ich vorhin eine Begegnung der besonderen Art hatte“, erwiderte Tessa und setzte sich zu ihren Bandkolleginnen an den Tisch. „Ihr kennt doch den Richie von Four Lives?“

Maike, die wie er Bass spielte, beugte sich vor. „Echt? Du hast mit ihm gesprochen?“

„Gesprochen?“, schnaubte Tessa. „Der Typ hat mich mit eiskaltem Bier übergossen und mir anschließend Garnelencocktail in den Ausschnitt geschüttet.“

„Nein!“, quiekte Maike auf. „Du verarschst uns.“

Tessa ließ das Desaster noch einmal Revue passieren und erzählte den anderen, warum sie Cleos Abendkleid gegen Jeans und T-Shirt hatte tauschen müssen.

„Vielleicht drehen die hier eine Ausgabe von Versteckte Kamera“, unkte Keyboarderin Ramona. „So etwas passiert normalerweise nur im Fernsehen.“

„Oder mir.“ Tessa saßen der Ärger und die Scham über das peinliche Missgeschick noch immer in den Knochen. Am liebsten wäre sie nicht mehr zurückgekehrt, um den Gaffern nicht erneut zu begegnen.

„So kann man aber auch den Bekanntheitsgrad steigern“, sagte Cleo lachend.

„Besonders fotogen bin ich wahrscheinlich nicht rübergekommen.“ Tessa dachte an ihren Schreckensschrei, als ihr das eiskalte Bier über den Rücken gelaufen war. „Ich glaube, mein Gesicht hat geleuchtet wie eine rote Ampel.“ Sie griff nach ihrer Cola. Bei der Vorstellung, dass die bei Facebook oder Instagram hochgeladenen Handyfotos bald in Deutschland verbreitet würden, wurde ihr ganz anders.

„Und?“, hakte Maike nach. „Ist er wirklich so sexy?“

Tessa zögerte. Irgendwo in ihrem Inneren hatte der intensive Blick aus seinen dunklen Augen ein Déjà-vu ausgelöst. Vehement schüttelte sie den Kopf. Felix war Vergangenheit.

„Er mag zwar ein begnadeter Gitarrist sein, aber so gut aussehend, wie ihm nachgesagt wird, ist er aus der Nähe betrachtet nicht.“ Sie warf den Kopf zurück. „Seine Nase ist schief.“

„Dafür hat er aber einen echt geilen Knackarsch“, murmelte Maike und seufzte.

„Findest du?“ Kim, mit knapp neunzehn das Nesthäkchen der Band und fürs Saxofon zuständig, drehte sich kurz um, als ob man sie belauschen würde. „Mir würde dieser Ben gefallen. Der ist voll süß. Allein diese blauen Augen …“ Kim grinste und sah nach oben.

„Vergiss diese Typen.“ Ramona zwirbelte eine ihrer roten Locken um den Zeigefinger. „Bei denen bist du eh nur eine weitere Kerbe im Bettpfosten.“

„Guckt euch mal unauffällig um“, flüsterte Maike. „Man kann sie von hier aus sehen. Ich finde, dass dein Richie richtig heiß aussieht.“

„Hör auf. Das ist nicht mein Richie! Der soll mir nicht noch einmal über den Weg laufen.“ Während Tessa an der Cola nippte, versuchte sie trotzdem, einen Blick auf Four Lives zu erhaschen.

Richie hatte wieder ein Bier vor sich stehen und flirtete mit Caroline von Stein, einem zurzeit angesagten Topmodel.

„Wie die sich an den ranschmeißt“, ereiferte sich Kim. „Die sabbert ja schon.“

„Der Anblick scheint ihm zu gefallen“, erwiderte Ramona. „Ist ja klar, so beneidenswert perfekt, wie die aussieht.“

„Die ist eine von diesen Superfrauen, die nie einen Pickel kriegen“, schmollte Tessa und betrachtete Caroline aus der Ferne. „Die sind nie verschwitzt oder haben zerknautschte Haare. Und keine Garnelen auf dem Busen.“ Sie sah in die amüsierten Gesichter ihrer Bandkolleginnen und erfasste plötzlich die Komik der Situation. Ihre Mundwinkel zuckten, doch Cleo prustete als Erste los.

„Tut mir leid, Tess, aber ich stelle mir gerade das Bild vor, wie diese Tierchen langsam in deinen Ausschnitt rutschen.“ Doch mit einem Mal verwandelte sich ihr herzhaftes Lachen in ein professionelles Lächeln, und sie setzte sich aufrechter hin. „Vorsicht, Kamera. Bitte recht freundlich.“

Tessa wandte sich um. Schon wieder Frau Beck von der Promi-Welt.

„Darf ich euch gratulieren?“ Unaufgefordert setzte sich die Reporterin zu ihnen, bat alle, sie Sabrina zu nennen, und nahm einem vorbeilaufenden Kellner noch schnell ein Glas Weißwein vom Tablett. „Das muss heute Abend bestimmt ein echt geiles Gefühl gewesen sein, bei dieser großen Konkurrenz den Preis als beste neue Band zu gewinnen, oder?“

Cleo ergriff das Wort. „Das war echt krass.“ Stolz zeigte sie mit dem Daumen nach oben. „Jetzt können wir so richtig durchstarten.“

Sabrina stellte ihr Ressort, Reportagen über Rock- und Popmusiker, vor. Sie plante eine Serie über den deutschen Nachwuchs, und Unlimited würde den Auftakt machen. Sie begrüßte es außerordentlich, dass man im Vorfeld des offiziellen Interviews, das erst am nächsten Morgen stattfinden sollte, ein bisschen privater plaudern konnte.

„Erzählt ruhig weiter“, bat sie. „Mein Kollege darf fotografieren?“

Alle nickten, und Kim bekam vor Aufregung einen knallroten Kopf. Sabrina zog ein kleines Diktiergerät aus der Handtasche und legte es eingeschaltet auf den Tisch. Nur flüchtig fragte sie nach zukünftigen Projekten, nach ihrer Zusammenarbeit und danach, wie sie sich kennengelernt hatten. Ihr hauptsächliches Interesse lag im persönlichen Bereich. Sie wollte wirklich alles über Freunde, Familien und Beziehungen wissen.

„Euer Privatleben ist für die Leser unserer Zeitschrift besonders attraktiv. Sie wollen Stars zum Anfassen.“ Sabrina grinste. „Menschen wie du und ich.“

„Aber wir sind doch noch gar keine Stars“, wandte Tessa ein.

„Nicht?“ Sabrina hob die Augenbrauen. „Aber das wird sicher nicht mehr lange dauern. Außerdem: Stars werden gemacht. Besonders von Zeitschriften wie unserer Promi-Welt. Die Reportage über euch kann ein wichtiger Baustein zum Erfolg sein. Je mehr Menschen Unlimited kennen, desto mehr werden eure Musik hören.“ Sie sah Tessa an. „Dein Zusammenprall mit Richie von Four Lives war natürlich das absolute Highlight heute Abend. Ich brauche unbedingt noch ein paar Infos über dich. Du wirst sehen, ab der nächsten Ausgabe kennt dich halb Deutschland.“

Nachdem ihre Neugierde mehr oder weniger gestillt war, packte sie das Diktiergerät wieder in die Handtasche und verabschiedete sich.

„Macht’s gut, und denkt daran: Skandälchen sind immer gut für die Karriere.“ Sie kicherte und gab dem Fotografen ein Zeichen, ihr zu folgen.

Tessa wusste nicht, ob sie sich darüber freuen sollte, wenn ihr Gesicht so bald der Hälfte der deutschen Bevölkerung bekannt sein würde. Lieber hätte sie zuerst ihr privates Umfeld geordnet. Auf Sabrinas bohrende Fragen, wie und wo und mit wem sie lebte, hatte sie nur ausweichend geantwortet und daraufhin einen missbilligenden Gesichtsausdruck geerntet. Doch damit konnte sie leben.

Über den Rand ihres Glases hinweg betrachtete sie das Partytreiben um sich herum. Kim wurde von Klaas Klausen, einem MTV-Moderator, auf die Tanzfläche gezogen, Ramona musste zur Toilette, und Maike unterhielt sich angeregt mit einem vollflächig tätowierten Typen, der trotz der Wärme im Saal seine dicke Wollmütze nicht abnehmen wollte. Am Buffet, das in Tessas Blickfeld lag, wurde nachgelegt, was sie daran erinnerte, dass sie noch nicht zum Essen gekommen war. Beim Anblick der vielen Köstlichkeiten knurrte ihr der Magen. Daher schlenderte sie zum Buffet hinüber, wo sie einen großen Teller vom Stapel nahm und ihn mit all den Leckerbissen belud, die sie schon immer einmal hatte probieren wollen.

Plötzlich räusperte sich hinter ihr jemand. „Hi.“

Sie drehte sich um und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Schon wieder dieser Richie. Er sah sie an, und es kribbelte in ihrem Bauch. Verdammt, nicht bei ihm! Wenn auch nicht schön im klassischen Sinne war er doch verdammt attraktiv mit seinen schwarzen Locken und dem markanten, sinnlichen Mund, dazu noch dieser Blick aus den dunkelbraunen Samtaugen mit den für einen Mann unverschämt langen Wimpern.

„Hast du Lust auf einen Drink?“ Er schenkte ihr ein hinreißendes Lächeln, um dessen Wirkung er sicher wusste. „Einen Cocktail vielleicht, drüben an der Bar?“

„Tut mir leid.“ Tessa packte den Teller fest am Rand. „Ich möchte nichts trinken.“

„Ehrlich?“ Er zog eine Augenbraue hoch. „Nicht mal ein halbes Gläschen?“

„Ich habe Nein gesagt. Hast du ein Problem mit den Ohren?“ Sie legte den Kopf schief und sah ihn herausfordernd an. Mit ihm würde sie spielend fertigwerden.

„Ich höre sehr gut, immerhin bin ich Musiker.“ Inzwischen war das Lächeln aus seinem Gesicht gewichen. „Aber was soll’s! So eine moralinsaure Spaßbremse muss ich mir nicht antun.“

„Ich jedenfalls kann auch ohne Alkohol Spaß haben.“ Schulterzuckend wandte sie sich ab. Sollte er sich betrinken. Aber ohne sie.

„Na, dann wünsche ich dir noch richtig viel Spaß heute Abend“, hörte sie ihn leise hinter sich.

Tessa beeilte sich, zu ihrem Tisch zurückzukommen, und stellte den Teller ab. Verdammt, warum zitterten ihr plötzlich die Hände? Aus den Augenwinkeln sah sie ihn zur Bar gehen, an der er ein weiteres Glas in Empfang nahm und sich betont lässig an den Tresen lehnte. Ihre Blicke trafen sich, und sein Mund verzog sich zu einem spöttischen Lächeln.

Es ärgerte Tessa, doch sie konnte nicht verhindern, dass dieses Lächeln sie den ganzen Abend verfolgte. Hoffentlich würde sie diesem Typen nie wieder begegnen.

 

03.

 

„Kein Empfang hier, so ein Mist!“

Tessa schrak hoch und blinzelte. War sie etwa eingenickt? Durch die halb geschlossenen Lider schaute sie auf eines der großen Autobahnschilder, an denen ihr Bus gemütlich brummend vorbeischlich. Demnach brauchten sie noch gut zwei Stunden bis Köln. Die Seitenscheibe drückte zwar hart gegen ihre Schläfe, mit dem zusammengeknüllten Sweatshirt im Nacken war es jedoch halbwegs erträglich. Maike, die die Rückbank für sich allein beanspruchte, schien die Unbequemlichkeit im Bus nichts auszumachen – lang ausgestreckt und mit einem seligen Lächeln im Gesicht träumte sie wahrscheinlich vom vorangegangenen Abend, an dem sie mit dem tätowierten Mützenträger bis in den Morgen gequatscht hatte. Ramona auf dem Fahrersitz sang gemeinsam mit Kim die Charts aus dem Autoradio mit.

Cleo klappte genervt ihr Smartphone zu. „Sorry, ich wollte dich nicht wecken“, sagte sie zu Tessa. „Ich suche nur nach Infos über gestern Abend, aber hier scheint gerade ein Funkloch zu sein.“

„Ich habe nicht geschlafen, nur gedöst“, erwiderte Tessa und dehnte die verspannte Schultermuskulatur. „Bin zu aufgekratzt.“

Auch wenn ihr immer wieder kurz die Augen zufielen, die Gedanken an die beiden letzten Tage ließen sie nicht richtig zur Ruhe kommen. Erst drei Stunden zuvor war das letzte von gefühlt hundert Interviews zu Ende gegangen, permanent waren sie fotografiert worden, während vor dem Hoteleingang bereits die ersten Fans um Autogramme gebeten hatten. Und das, obwohl sie bis jetzt nur einen Newcomer-Award gewonnen hatten.

„Mir geht es genauso“, stimmte Cleo zu. „Ich bin echt gespannt, was in der nächsten Zeit auf uns zukommen wird. Ich hoffe, wir kriegen das gebacken.“

„Musikalisch auf jeden Fall“, antwortete Tessa und versuchte, sich in eine erträglichere Sitzposition zu bringen. „Aber dieser ganze Rummel drum herum? Stell dir vor, wir wären eines Tages so berühmt wie Bad Girls oder Four Lives. Die können nirgendwo mehr auftauchen, ohne erkannt zu werden.“

„Dann haben wir aber zumindest etwas Besseres als diesen klapprigen VW-Bus.“ Zur Bestätigung zupfte Cleo an der sich lösenden Deckenverkleidung. „Ich wünsche mir einen richtigen Tourbus mit Schlafkabinen, Toilette und Fernseher. Und an die Paparazzi werden wir uns wohl oder übel gewöhnen müssen.“

„Einige sind aber auch unverschämt. Zum Beispiel diese Tussi von der Promi-Welt. Sie ließ nicht locker, mich über mein Privatleben auszuhorchen. Warum ich zurzeit keinen Freund habe, ob ich jemals mit einem Sänger oder Schauspieler zusammen war und ob meine Eltern auch etwas mit Musik zu tun haben.“

„Was hast du ihr geantwortet?“

„Ich habe ihr gesteckt, dass ich mein Talent meinem Vater zu verdanken habe. Für einen Freund hätte ich keine Zeit, und ansonsten würde ich gerne Privates aus den Medien heraushalten. Sie hat ganz schön dumm geguckt, wahrscheinlich hat sie erwartet, ich würde meine Intimsphäre vor ihr ausbreiten, nur damit das mit dem Berühmtwerden schneller geht.“

Cleo runzelte die Stirn. „Meinst du, dass es richtig war, Laszlo als deinen Vater auszugeben? Immerhin hat sie als Reporterin Möglichkeiten, das zu recherchieren.“

Tessa zuckte mit den Schultern. „Laszlo ist gestorben, als ich sechs war. Und es bleiben genug Fragen offen, immerhin könnte ich auch seine uneheliche Tochter sein. Diese Daten kann man gar nicht nachverfolgen, auch nicht im Internet.“

„Du musst es wissen.“ Cleo seufzte. „Irgendwann wird der Schwindel auffliegen. Aber diese Sabrina wird wahrscheinlich einen super Artikel über uns bringen. Was wollen wir mehr?“

„Hauptsache, sie schreibt auch über unsere Musik. Wir sind schließlich ernst zu nehmende Rockmusikerinnen und keine It-Girls.“

„Genug Stoff für Schlagzeilen hast du ihr ja bereits geliefert. Dein Zusammenprall mit Richie ist für einen Reporter wie ein Geschenk des Himmels. Hat sie mitbekommen, dass er sich bei dir entschuldigen wollte?“

„Entschuldigen?“, schnaubte Tessa. „Von Reue oder schlechtem Gewissen habe ich wenig gemerkt. Er wollte mich zu einem Drink einladen.“

„Den du natürlich mal wieder nicht angenommen hast.“

»Was heißt hier ›mal wieder‹? Du weißt, dass ich mich nicht von jedem gut aussehenden Typen sofort abschleppen lasse. Von einem, der getrunken hat, sowieso nicht.«

„So übel finde ich ihn nun auch wieder nicht.“ Cleo klappte das Handy zu. „Tessa, manchmal bist du echt spießig.“

„Danke, liebste Freundin.“ Tessa kniff sie in den Arm. „Spießig findest du mich also, nur weil ich nicht auf Typen stehe, die getrunken haben. Du weißt, warum.“

„Sorry, Tess. Aber manchmal finde ich es übertrieben, auch wenn du damals mit Felix schlechte Erfahrungen gemacht hast.“

Tessa erinnerte sich nicht gern an den gut aussehenden Jungen aus der zehnten Klasse, den alle Mädchen mehr oder weniger ungeniert angehimmelt hatten. Dem das ungemein gefallen und der jede Sekunde dieser Aufmerksamkeit genossen hatte. Tessa war zum ersten Mal in ihrem Leben hoffnungslos verknallt gewesen und hatte jede Nacht davon geträumt, einmal in seinen Armen zu liegen und von ihm geküsst zu werden. Damals hatte sie sich gefragt, warum der Sohn eines angesehenen Unternehmers ausgerechnet mit ihr bei Mandys Geburtstagsfeier in der Küche saß und sie beide über die angesagten Kinofilme redeten. Mit ihm hatte sie ihren ersten Kuss, die erste Liebe erlebt, und eine ganze Woche lang war sie auf Wolke sieben durch die Schule geschwebt. Bis sie an einem Nachmittag in seinem Zimmer gesessen hatten, um Hausaufgaben zu machen. Mit seinem unwiderstehlichen Charme brachte er sie dazu, eine Art Cocktail aus Wodka und irgendetwas Undefinierbarem zu probieren. Anschließend hatte er ein Päckchen Kondome aus der Hosentasche gezogen und gemeint, es sei eine passende Gelegenheit, seine Eltern wären nicht zu Hause. Im Nachhinein konnte sich Tessa nicht mehr daran erinnern, wie viel sie davon getrunken hatte, doch durch den ungewohnten Alkohol enthemmt, fand sie es ungemein lustig, ihm das T-Shirt über den Kopf und den Reißverschluss seiner Jeans nach unten zu ziehen.

Doch der Augenblick, in dem Felix’ Mutter plötzlich neben dem Bett gestanden hatte, war für immer in ihrem Gedächtnis eingebrannt. Flaschen und Gläser ihrer Mutmacher standen noch unübersehbar auf dem Tisch, während Felix und sie versuchten, sich wenigstens die Bettdecke über ihre Blöße zu ziehen. Felix’ Mutter schnappte nach Luft und begann, in schriller Tonlage zu keifen. Noch nie zuvor hätte er einen Schluck Alkohol getrunken, und wenn Tessa ihn nicht dazu überredet hätte, wäre es ihr mit Sicherheit nicht gelungen, ihn ins Bett zu zerren. Sollte Tessa nicht die Finger von ihrem Sohn lassen, würde sie Anzeige beim Jugendamt erstatten, und die würden sich um Flittchen wie Tessa schon kümmern. Bei ihrer Herkunft sei es schließlich kein Wunder, wenn die Tochter so wie die Mutter wäre.

Felix hatte Tessa mit keinem Wort verteidigt, sondern sie sogar noch beschuldigt, diejenige gewesen zu sein, die ihn dazu überredet hatte. Dieses Erlebnis hatte Spuren in ihrem Herzen hinterlassen, und auch wenn sie Felix nicht lange nachgetrauert hatte, ließ sie von der Kombination Männer und Alkohol seit dieser Zeit lieber die Finger.

Tessa seufzte laut, woraufhin Cleo sie erstaunt ansah.

„Was ist los?“

„Ach nichts. Ich dachte an früher. Und an Nadja.“

Cleo legte ihr die Hand auf den Arm. „Hattest du nicht die Nachbarin gebeten, ab und zu nach deiner Mutter zu sehen, wenn du wegmusst?“

„Olga war am Wochenende eingeladen und kommt erst morgen zurück.“

Tessa dachte an ihre Nachbarin Olga Motyka, das einzige Highlight in ihrer trostlosen Plattenbausiedlung, in der Tessa mit ihrer Mutter lebte. Die vorherige Wohnung war ihnen wegen Eigenbedarfs gekündigt worden, und nachdem sie nicht schnell genug ausgezogen waren, hatte ihnen der Vermieter kurzerhand das Wasser abgestellt. Nur in der Siedlung am Römerbrunnen war auf die Schnelle eine bezahlbare Wohnung frei gewesen. Leider warf ihr Job in Hieronymus’ Musikladen nicht so viel ab, dass sie sich schon wieder einen neuen Umzug leisten konnten. Inzwischen hasste sie diese heruntergekommene Behausung zwischen Graffiti und Spießertum und träumte jeden Tag davon, mit Unlimited endlich genug Geld zu verdienen, um dem zu entfliehen.

 

04.

 

Tessa schloss die Haustür auf, und sofort stieg ihr der penetrante Geruch verbrannten Specks in die Nase. Schnell öffnete sie den Briefkasten, um die Samstagspost herauszuholen. Mehrere Werbeprospekte, die umgehend in einem alten Plastikeimer landeten, ein Schreiben der Stadtverwaltung und eine Erinnerungskarte ihrer Zahnärztin, dass sie an den überfälligen Vorsorgetermin denken sollte.

Mit den Briefen unter dem Arm ging Tessa auf den Lift zu, an dessen Tür immer noch der verschmierte Zettel der vorangegangenen Woche klebte. Aufzug defeckt. Sie unterdrückte den Impuls, den falschen Buchstaben durchzustreichen, und straffte die Schultern. Also dann, zu Fuß auf in den fünften Stock, bepackt mit einem Rucksack und diesem unhandlichen Koffer, den sie mühevoll Stufe für Stufe hinaufziehen musste, da am Tag zuvor eine seiner Rollen abgebrochen war. Vorbei an dem braunen Gerippe eines Ficus benjamini, der vertrocknet und vergessen in einer zugigen Ecke sein Dasein fristete. Vorbei an Türen, hinter denen Kinderlärm, Lustschreie und Ehekrach zu hören waren. Im vierten Stock versuchte lautstarke Volksmusik, die orientalisch anmutende Melodie aus der Nachbarwohnung zu übertönen.

Als Tessa endlich vor der eigenen Wohnungstür stand und den Schlüssel ins Schloss steckte, atmete sie tief durch.

„Hallo, Nadja, bin wieder da!“ Tessa ließ den Koffer im Flur stehen und folgte dem Geräusch der Fernsehwerbung ins Wohnzimmer.

Zusammengekauert, mit einem zerknüllten Taschentuch in der Hand, saß ihre Mutter auf dem Sofa und verfolgte das Geschehen auf der Mattscheibe. Eine grell geschminkte Dame undefinierbaren Alters bot Halstücher zu einem unschlagbar günstigen Preis an. Natürlich bekam man diverse Artikel dazu geschenkt, sollte man innerhalb der nächsten zwei Stunden die einmalige Chance ergreifen und bestellen. Auf dem Couchtisch standen eine Flasche Mineralwasser und ein halb volles Glas.

„Was ist los?“, fragte Tessa. „Hast du geweint?“

Nadjas Augen waren gerötet, und die Wimperntusche hatte schwarze Spuren auf den Wangen hinterlassen.

„Das ist ein böses, hinterhältiges, mieses Schwein, der Jürgen“, brach es aus ihr heraus, und schon kullerten die Tränen.

„Du hast getrunken“, stellte Tessa fest, doch Nadja schüttelte den Kopf.

„Nur Wasser, siehst du?“ Sie nahm das Glas vom Tisch und setzte es an die Lippen. „Nur Wasser.“

„Und vorher?“ Tessa kannte inzwischen die kleinen Tricks, mit denen ihre Mutter sie in der letzten Zeit immer häufiger davon überzeugen wollte, sie hätte das mit dem Alkohol im Griff. Unter dem Sofakissen oder hinter einem Buch … Wenn sie jetzt suchen würde, käme mit Sicherheit eine Flasche Wodka oder Korn zum Vorschein. Mit Bier oder Wein hielt sich Nadja schon lange nicht mehr auf. Und wenn Tessa ihr die Flasche fortnahm, dauerte es nicht lange, bis die nächste griffbereit war.

„Nur ein bisschen“, murmelte Nadja und setzte das Glas wieder ab.

„Was ist mit Jürgen, hat er dich versetzt? Wolltet ihr nicht ins Kino?“

„Pah, Kino. Angerufen und Schluss gemacht hat er. Einfach so.“ Sie schniefte geräuschvoll und wischte sich die Nase am Ärmel ab.

Jürgen, den ihre Mutter erst vor einigen Wochen kennengelernt hatte, war ein Mann, in den Tessa ein wenig Hoffnung gesetzt hatte. Ihr gefiel seine Fürsorglichkeit, und Nadja hatte er gutgetan. Wenn sie mit ihm zusammen war, verflog zumindest kurzzeitig ihre depressive Stimmung, und er hatte es geschafft, öfter als sonst ein Lächeln auf ihre Lippen zu zaubern. Jetzt war es ihm wohl wie all den anderen Männern ergangen, die in den letzten Jahren in Nadjas Leben aufgetaucht waren – mit Liebe und Fürsorge allein konnte auch er Nadjas Probleme nicht in den Griff kriegen.

„Vergiss ihn.“ Tessa setzte sich neben ihre Mutter und legte ihr den Arm um die Schultern. „Irgendwo wartet der richtige Mann auf dich. Einer, der nicht nach ein paar Wochen aufgibt und das Weite sucht.“

„Mich will eh keiner mehr“, sagte Nadja und schniefte.

„So ein Unsinn.“ Tessa erhob sich. „Weißt du was? Ich mach uns jetzt einen heißen Kakao und erzähle dir, was ich in Hamburg erlebt habe, okay?“

Nadja nickte, und ihre Finger zupften fahrig am Ohrläppchen. Tessa ging in die Küche, und während sie Milch in einen Topf goss, sah sie sich um. Wie konnte man in zwei Tagen nur so viel Dreck und Unordnung produzieren? Das gebrauchte Geschirr stapelte sich in der Spüle, ein Topf mit den Resten einer angebrannten Dosensuppe vergammelte auf dem Herd daneben. Es erstaunte sie immer wieder, wie ein Mensch, der sowieso nie richtig kochte, so viele Teller und Töpfe schmutzig machen konnte. Wahrscheinlich sah es im Bad auch nicht anders aus, und Tessa bereitete sich innerlich darauf vor, nach dem Kakaotrinken mit dem Putzen anzufangen. Es war wie immer.

Als sie mit dem dampfenden Kakao und einigen Butterbroten ins Wohnzimmer zurückging, klingelte es. Sie stellte Tassen und Teller ab, öffnete die Wohnungstür und trat erschrocken einen Schritt zurück. Der bullige Typ, der so unvermittelt vor ihr aufragte, verströmte den Geruch von Gefahr. Die speckige Lederjacke, der fast kahle Schädel, dazu eine Nase wie eine Bulldogge und ein schmieriges Grinsen im Gesicht – hoffentlich hatte er sich nur in der Tür geirrt.

„Ja?“, fragte sie vorsichtig und machte sich schon bereit, die Tür sofort wieder zu schließen.

„Hallo, Nadja“, sagte er mit öliger Stimme, und ein Kaugummi wanderte von der rechten in die linke Wangentasche. „Viele Grüße von Manfred.“

In ihrem Bauch klumpten sich die Eingeweide zusammen. „Ich bin nicht Nadja und kenne auch keinen Manfred.“

„Den solltest du aber kennen, Schätzchen. Immerhin hat er Nadja etwas gegeben, was er wiederhaben will.“

Der Klumpen in ihrem Magen verdichtete sich zu Stein. Der Typ sah nicht so aus, als mache er Scherze. „Was wollen Sie?“

„Na, Geld, Schätzchen, was glaubst denn du? Ob von dir oder dieser Nadja …“ Er steckte die Hände in die Hosentaschen und lehnte sich gegen den Türrahmen.

„Was für Geld?“ Tessa hoffte, ihre Stimme würde fest klingen, doch nach ihren Worten wusste sie, dass sie sich eher wie eine piepsige Maus angehört haben musste.

Der Typ, der sich immer noch nicht vorgestellt hatte, verzog die Mundwinkel zu einem falschen Lächeln. „Den Rest von den zwanzig Riesen.“ Provozierend schob er einen Fuß über die Schwelle. „Aber willst du mich nicht reinlassen? So unhöflich …“ Er trat einen weiteren Schritt vorwärts, und Tessa wich zurück.

Ihr Herz raste. „Was wollen Sie?“

Plötzlich stand Nadja hinter ihr. „Ich habe schon gesagt, dass es noch etwas dauern könnte.“

„Ah, das ist also Nadja. Noch so ein Schätzchen.“ Spöttisch blickte er ihre Mutter an. „Wohl ’nen Kurzen genehmigt, was?“

Tessa schluckte. Ihre Mutter kannte den Typen? Demnach lag hier doch keine Verwechslung vor?

„Ich habe … ich …“ Nadja schwankte und stützte sich an der Flurkommode ab. „Ich habe mir ’n bisschen Geld leihen müssen.“

„Du hast was?“ Tessa starrte ihre Mutter an. „Das ist nicht wahr, oder?“

Die Bulldogge schob sich langsam näher. „Nadja, Schätzchen, deine leeren Versprechungen haben meinen Chef nicht glücklich gemacht. Du bist im Verzug.“

„Sprechen wir hier wirklich von zwanzigtausend Euro?“ Tessa wagte kaum, ihn anzusehen.

„Klaro. Denk mal an die Zinsen, von irgendwas muss man schließlich leben. Und wenn unser Alkipüppchen sich noch mehr Zeit lässt, können es schnell dreißigtausend werden.“

Dreißigtausend Euro! Eine unvorstellbar hohe Summe.

„So viel Geld haben wir im Moment nicht. Lassen Sie mir Ihre Karte hier, und ich melde mich bei Ihnen.“

„Meine Karte?“ Sein leises Lachen ließ Tessa frösteln. „Bin ich vielleicht von der Sparkasse? Nix da, Nadja weiß, bei wem sie ihre Schulden bezahlen muss. Und wenn nicht …“ Sein Blick glitt an Tessa herunter und blieb an ihren Brüsten hängen. „Es gibt auch noch andere Möglichkeiten. Wenn du also deiner Mutter ein wenig unter die Arme greifen willst … Ich heiße Igor.“

Oh Gott, die Vorstellung allein … Sie schüttelte sich. Wenn dieser Albtraum nicht bald verschwand, würde sie sich vor Angst übergeben müssen.

Der Klingelton seines Handys ließ ihn ins Treppenhaus zurückweichen. „Geschäfte“, sagte er grinsend und zog das Telefon aus der Hosentasche. „Schönen Tag noch, Ladys, man sieht sich.“

Tessa drückte die Wohnungstür hinter ihm ins Schloss und drehte sich zu Nadja um, die mit angezogenen Beinen auf dem Fußboden hockte, den Kopf an die Kommode gelehnt.

„Kannst du mir das erklären?“ Tessa versuchte, ihrer Stimme Festigkeit zu verleihen, doch die zitterte genauso, wie ihre Knie. Sie ließ sich neben Nadja auf den Boden sinken.

„Ich war bei der Bank, aber die wollten mir nichts geben.“

„Wofür hast du zwanzigtausend Euro gebraucht? Sag mir bitte, dass das nicht stimmt.“

Ihre Mutter nickte, um gleich darauf den Kopf zu schütteln und ein Fläschchen aus der Hosentasche zu ziehen. „Bitte.“

Tessa kannte diesen flehenden Blick bereits, der sie glauben machen sollte, Nadja stünde kurz vor dem Zusammenbruch, wenn es nicht wenigstens noch einen winzigen Schluck gab.

„Ich erzähle dir dann auch alles.“

Tessa war versucht, ihr den Wunsch zu verweigern. Doch was würde das bringen? Spätestens in ein paar Minuten, wenn sie in ihr Zimmer ging, um den Koffer auszupacken, hätte Nadja die Flasche an den Mund gesetzt.

Tessa wandte den Blick ab. „Nun mach schon“, flüsterte sie. „Und wehe, du lässt etwas aus.“

„Weißt du, in Theos Theke, da habe ich jemanden kennengelernt. Das war noch vor dem Jürgen.“ Nadja starrte an die Decke, als ob sie sich diesen Mann vor ihr inneres Auge zurückholen wollte. „Norbert hieß er. Sah ganz gut aus. Hatte einen Job bei so einer Telefongesellschaft, weißt du, die immer anrufen, ob man den Tarif wechseln will.“ Sie machte eine Pause und kratzte sich am Hals. „Dann ist er zweimal krank geworden, und da hat sein Chef ihn rausgeschmissen. Er war ja noch in der Probezeit.“

„Und?“ Langsam wurde Tessa ungeduldig. „Komm zum Punkt.“

„Norbert hatte am Aachener Weg, am Ende, wo das Gewerbegebiet anfängt, ein Ladenlokal entdeckt, total gemütlich. Es war zu vermieten, als Kneipe. Er hat schon öfter gekellnert und dachte, das wäre etwas für ihn. Und ich sollte mitmachen.“ Nadja sah Tessa an und reckte das Kinn. „Ich kann schließlich mehr, als bloß irgendwelche dummen Hilfsarbeiten zu machen.“

„Das weiß ich, aber du kannst nicht …“ Sie schlug sich vor die Stirn. „Da wird Alkohol verkauft!“

„Du sagst immer, wenn ich eine sinnvolle Aufgabe hätte, käme ich davon weg.“

Tessa fuhr sich durch die Haare und stöhnte. Wie naiv konnte man eigentlich sein?

„Ich wollte bei ihm einsteigen, aber ich habe nur fünfzehntausend gebraucht. Das mit den zwanzig ist nur durch die blöden Zinsen gekommen.“

„Du hast dich mit fünfzehntausend Euro an einer Kneipe beteiligt? Das ist …“ Tessa sprang so vehement auf, dass Nadja den Kopf zwischen die Schultern zog. „Wo steckt der Typ, dieser Norbert? Und was ist jetzt mit dem Geld? Wir fahren sofort zu ihm und holen es zurück.“

„Geht nicht. Das mit der Kneipe hat nicht geklappt, das Geld ist weg, hat er gesagt, und jetzt versucht er es auf Mallorca, weil es da leichter ist.“ Nadja schniefte. „Aber da wollte ich nicht hin.“

„Verdammt, verdammt!“ Ohnmächtige Wut auf diesen Norbert erfasste Tessa, und sie schlug mit der Faust gegen den Türrahmen. Jetzt konnte sie einen guten Rat gebrauchen. Oder etwas, woran sie Dampf ablassen konnte. In solchen Situationen half ihr normalerweise die Arbeit am Schlagzeug. Dort konnte sie so lange auf Trommel oder Becken eindreschen, bis ihre Wut verraucht war. So mancher Stick war ihr dabei zerbrochen. Doch die Drums schlummerten wohlverwahrt in Unlimiteds Proberaum, und ihr blieb nichts anderes übrig, als die Hände zu Fäusten zu ballen und tief durchzuatmen.

„Dieser Igor“, flüsterte Nadja, „was meinst du, was der machen wird, wenn …?“

„Das will ich nicht wissen.“ Tessa versuchte, jeden Gedanken an diese lüsternen Blicke zu verdrängen. „Ich werde ihm irgendwie eine Anzahlung bringen müssen und dann versuchen, ihn hinzuhalten.“

„Aber wenn er wiederkommt? Was soll ich dann …?“

„Hör auf.“ Wenn sie die weinerliche Stimme ihrer Mutter noch länger ertragen musste, würde sie glatt kotzen. „Ich lass mir eben etwas einfallen.“ Tessa flüchtete in ihr Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Mit einem Handgriff hob sie die Matratze an und griff in die Stofflasche, die sie dort eingenäht hatte. Mit zittrigen Fingern nahm sie die Scheine heraus. Zählte nach. Nichts fehlte von den dreitausend Euro, die sie sich in den letzten Monaten eisern zusammengespart hatte. Dafür hatte sie in aller Herrgottsfrühe in einer Firma Toiletten geputzt und an den Abenden, an denen nicht geprobt wurde, in einer Kneipe gekellnert. Hatte auf manch ein Vergnügen verzichtet, nur um endlich aus dieser Bruchbude heraus und in eine bessere Wohnung ziehen zu können. Und jetzt?

War ihr Traum geplatzt wie eine Seifenblase.

 

05.

 

„Hi“, begrüßte Ben ihn an der Tür. „Du bist früh dran.“

Richie trat in den Flur des Penthouse, das Ben vor drei Jahren gekauft und sich bereits kurze Zeit später mit Jan, dem Keyboarder von Four Lives, geteilt hatte. Keiner der beiden lebte gern allein, und so stellte sich diese riesige Dachwohnung, die ursprünglich aus zwei Einzelwohnungen bestanden hatte, als perfekte Lösung dar. In der einen wurde gelebt, und in der zweiten hatte Ben nach und nach einen Fitnessraum, ein kleines Tonstudio und zwei Gästeschlafzimmer eingerichtet.

Richie folgte ihm durch die Verbindungstür in die Nebenwohnung. „Wow, krasses Teil“, entfuhr es ihm.

Neben dem Kicker, der bereits seit einiger Zeit in dem ehemaligen Wohnzimmer stand und in den Probenpausen intensiv genutzt wurde, prangte ein Billardtisch in Turniermaßen. Poolbillard, wie Richie recht schnell feststellte.

„Wie habt ihr den denn in den Aufzug bekommen?“

„Gar nicht“, sagte Ben lachend. „Der ist mit einem speziellen Umzugskranwagen über die Terrasse geliefert worden. Trotzdem habe ich Arbeiter selten so fluchen hören. Das Teil ist verdammt schwer.“ Er nahm die schwarze Kugel in die Hand und legte sie auf den Filz. „Na? Lust auf ein Spielchen?“

„Gib zu, dass du den ganzen Vormittag geübt hast.“

„Klar doch“, erwiderte Ben und gab der Kugel einen kräftigen Stoß. „Ich musste mich vorbereiten, immerhin bist du hier der Billardspezialist.“

Nachdem er das Spiel haushoch gewonnen hatte, zielte Richie spielerisch mit dem Queue auf Ben. „Revanche?“

„Was ist denn hier passiert?“, ertönte eine Stimme aus dem Hintergrund. „Kaum ist man ein paar Tage in Holland, besorgt sich mein Kumpel ein neues Spielzeug.“ Jan trat näher an den Billardtisch und strich mit den Fingerspitzen über den polierten Rand. „Warum kaufst du dir den erst jetzt, kurz bevor ich hier ausziehe?“

„Mit irgendetwas muss ich mich eben trösten, wenn du mich verlässt.“ Ben grinste und legte sich theatralisch die Hand aufs Herz.

„Wann ist euer Haus bezugsfertig?“, fragte Richie.

„Wahrscheinlich erst in den Sommerferien.“ Jan ging zum Kühlschrank und kam mit einem Bier zurück. „Bis dahin muss noch einiges umgebaut werden. Wir haben beschlossen, dass Freddie und Charlie ihre eigene Etage bekommen, mit fünfzehn wollen die beiden sicher keinen Anteil an unserem Liebesglück nehmen.“ Er schüttelte den Kopf. „In ihren Augen sind wir Gruftis, da ist nichts mehr mit Sex und so.“

Richie musste lachen. Jan war mit knapp neunundzwanzig nur ein Jahr älter als er.

„Können wir anfangen, oder wollt ihr noch weiterspielen?“ Jan sah auf die Uhr. „Was ist mit Tom? Er ist sonst immer pünktlich.“

„Vielleicht steckt er im Stau?“, mutmaßte Richie.

„Oder in seiner Frau“, lästerte Ben und setzte grinsend seine Kopfhörer auf.

„Nur kein Neid“, erwiderte Richie. „Angeblich muss man jede Gelegenheit nutzen, wenn die Kinder schlafen oder nicht zu Hause sind. Meine Schwester Valeria macht das immer so.“

„Henry ist erst fünf Monate alt, der weiß noch nicht, was die Turnübungen seiner Eltern zu bedeuten haben.“ Jan lachte. „Wir hingegen werden demnächst von zwei pubertierenden Anstandsdamen bewacht.“

„Schick sie ins Kino.“ Ben tippte mit dem Finger auf die Armbanduhr. „Und jetzt lasst uns endlich anfangen. Für Losing Faith brauchen wir die Drums erst später.“

Richie zupfte an den Gitarrensaiten und versuchte, den Refrain zu verändern. Etwas störte ihn immer noch daran, für den Sound von Four Lives fand er ihn einfach zu lahm. Rockiger musste er werden.

„He, mir ist was eingefallen. Lass mich mal ans Keyboard.“ Richie schob Jan auf dem Hocker zur Seite, setzte sich an die Tastatur und schlug ein paar Tasten an. „Was haltet ihr davon?“

„Cool.“ Jan nahm die Melodie auf, gab noch ein paar Akkorde dazu.

Richie griff erneut zur Bassgitarre, Ben stieg ein, und der Song nahm endlich Gestalt an. Konzentriert arbeiteten sie bis fünf Uhr und feilten an Text und Arrangement.

„Ich denke, Losing Faith hat das Potenzial, als Single ausgekoppelt zu werden.“ Jan lehnte sich zufrieden zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Jetzt fehlen nur noch die Drums.“

„Ein Ohrwurm ist es jetzt schon“, fand Richie und öffnete sich eine Flasche Bier. Leonhard Goldig, ihr Produzent, würde zufrieden sein.

Ben legte das Telefon zur Seite, mit dem er versucht hatte, Tom zu erreichen. „Der Kerl geht immer noch nicht ran. Da wird doch nichts passiert sein? Auch zu Hause läuft nur der AB.“

Richie setzte sich ans Schlagzeug. „Mal sehen, ob ich das bisschen Trommeln nicht auch hinkriege.“ Kaum hatte er mit den Drumsticks das Becken berührt, klingelte es.

„Na endlich, wurde auch Zeit“, brummte Jan und erhob sich.

„Hallo“, erklang kurz darauf eine helle Stimme.

Richie blickte erstaunt hoch. Kein Tom, nur Anne mit dem schlafenden Henry auf dem Arm.

„Was machst du hier?“ Ben zog die Augenbrauen hoch. „Wo ist dein Mann?“

„Er hat mich vorgeschickt, euch zu warnen … mhm, vorzubereiten.“ Hilflos lächelte sie in die Runde. „Ich glaube, er traut sich nicht.“

Hinter ihr räusperte sich Tom, der nun ebenfalls im Türrahmen erschienen war. Auf den ersten Blick wie immer – groß, breitschultrig, die kurzen Stoppelhaare weißblond gefärbt und die Jeansjacke lose umgehängt.

„Hi! Tut mir leid, wenn es später geworden ist.“ Wieder räusperte er sich. „Wir mussten noch ins Krankenhaus.“

„Was ist passiert? Etwas mit Henry?“ Richie musterte Tom, der plötzlich verlegen wirkte.

„Los, Schatz, zeig es ihnen.“ Anne setzte sich auf einen Hocker und sah ihren Mann auffordernd an.

Tom ließ die Jacke von den Schultern gleiten und deutete mit dem Kinn auf den rechten Arm. Dieser steckte in einem weißen Gips, der vom Oberarm bis zum Handgelenk reichte. „Das ist passiert.“

Man hätte die berühmte Stecknadel fallen hören können. Alle starrten auf den Schlagzeuger, der mit hochrotem Gesicht vor ihnen stand.

„W…was … was soll das?“, flüsterte Ben heiser. „Willst du uns verarschen?“

„Das ist ein Fake, oder?“ Richie stand auf und ging auf Tom zu. Der Gips sah echt aus und fühlte sich auch so an, als er ihn mit den Fingern leicht berührte.

„Ich … Er ist echt. Ich bin …“ Tom schluckte und sah plötzlich aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen.

„Ich bin schuld“, meldete sich Anne zu Wort. „Tom wollte mir einen Gefallen tun und ein herausgerutschtes Gardinenröllchen wieder reinschieben. Die Leiter stand im Keller, und Tom hat gemeint, ein Stuhl geht auch. Dann ist er mit dem Stuhl umgekippt und …“ Anne zuckte mit den Schultern und sah zu ihrem Mann. „Jetzt ist der Oberarm gebrochen, und der Ellbogen hat auch noch was abbekommen.“

„Er hat was?“ Ben schnappte nach Luft. „Gardinen aufgehängt?“ Er sprang auf und starrte Anne an. „Das ist nicht wahr. Das ist …“ Er ließ sich zurück auf den Stuhl sinken.

„Scheiße“, ergänzte Richie. Das war eine Katastrophe. Tom konnte nicht ersetzt werden, niemand von ihnen konnte seinen Part übernehmen.

„Alter, du hast früher einmal Rugby gespielt, du fährst in deiner Freizeit Mountainbike, es ist noch nie ein Unfall passiert, du bist … du bist sportlich und …“ Jan schüttelte den Kopf, als könnte er es nicht glauben. „Wie kann man sich bei so etwas den Arm brechen? Wozu habt ihr eine Haushaltshilfe?“

„Die war heute nicht da“, antwortete Anne. „Und wer konnte so was denn ahnen?“

Tom durchquerte den Proberaum und setzte sich ans Schlagzeug. Nahm einen Drumstick in die linke Hand und hieb mehrere Male so vehement auf das Becken ein, dass Henry zu weinen begann.

„Tom!“ Anne beugte sich über ihren Sohn, doch Richie hatte trotzdem die Tränen in ihren Augen entdeckt. Wahrscheinlich gab sie sich selbst auch Mitschuld an dem Desaster. Sie verließ den Proberaum und redete beruhigend auf Henry ein, während Tom ihr betroffen nachsah.

Wahrscheinlich verinnerlichte er immer noch, was dieser Unfall für ihn und Four Lives bedeutete.

„Scheiße“, murmelte er. Er gab der Trommel einen Tritt und starrte an die Studiodecke. „Drei bis vier Monate haben sie gesagt. Mindestens.“

Stille legte sich über den Raum. Was drei bis vier Monate bedeuteten, brauchte niemand laut auszusprechen. Die Tournee würde platzen. Alle Konzerte in den nächsten Wochen müssten abgesagt werden, denn die Show, die Tom an seinem Schlagzeug abzog, die war nicht von einem beliebigen Studiomusiker nachzuspielen. In den letzten Jahren hatte er sich in der Branche einen Namen gemacht und wurde oft mit Neil Peart und Dave Grohl verglichen. Ob es in der kurzen Zeit bis zum Tourneebeginn überhaupt möglich war, jemanden zu finden, der in der Lage war, Tom zu ersetzen?

 

 

06.

 

Die graue Wolkensuppe, die ohne Unterlass das typisch rheinische Schmuddelwetter fabrizierte, passte zu Tessas Stimmung, als sie am frühen Morgen in ihren betagten Wagen stieg, um zur Arbeit zu fahren. Normalerweise drehte sie das Radio auf volle Lautstärke und sang lauthals mit. An diesem Tag jedoch schien es, als würde ihr jeder Ton im Hals stecken bleiben. Das Gespräch mit ihrer Mutter sowie die plötzliche Schuldenlast bedrückten sie, und die halbe Nacht war dabei draufgegangen, nach einer Lösung zu suchen. Freunde, die so viel Geld erübrigen konnten, dass man sie darum bitten konnte, besaß sie nicht. Von ihrer Bank würde sie keinen Cent bekommen, denn welche Sicherheiten hatte sie schon zu bieten? Bei der Suche nach Gegenständen, die man versilbern konnte, waren ihr nur die Instrumente eingefallen. Eine elektrische und eine akustische Gitarre sowie ein kleines elektronisches Übungsschlagzeug, das man auch zu Hause mit Kopfhörern spielen konnte. Doch Tessa ging lieber nächtelang putzen, als sich davon zu trennen. Musik war das Einzige, für das sie lebte. Hinter ihrem Schlagzeug war sie nicht mehr länger Tessa Kowalski, die uneheliche Tochter einer depressiven, unselbstständigen, alkoholabhängigen und vorbestraften Mutter. Da war sie nicht mehr das Mädchen, mit dem die anderen Kinder nicht spielen durften, weil deren Eltern einen schlechten Einfluss befürchteten. Nein, auf der Bühne war sie Tessa Tardos, das vielseitige musikalische Multitalent.

Leider hatte sich das noch nicht in klingender Münze bezahlt gemacht, aber Geduld gehörte nun einmal zur Karriere dazu.

„Morgen, Tessa“, klang es aus dem Lager des Ladens, als sie die Tür hinter sich zuzog.

„Morgen, Patrick“, rief Tessa zurück und musterte erstaunt den zerzausten Blondschopf des Auszubildenden, der hinter dem Regal mit den Bluesharps und Blockflöten hervorlugte. „Bist du aus dem Bett gefallen, oder was treibst du hier, eine halbe Stunde, bevor wir öffnen?“

„Pst, nicht so laut, der Chef ist schon oben.“ Verschwörerisch legte er den Zeigefinger auf die Lippen. „Ich habe Samstag vergessen, die Lieferung für Nolden auszupacken, und die wird gleich abgeholt.“

„Na dann, beeil dich.“ Tessa grinste. „Ich sag nichts.“ Sie zwinkerte ihm zu und durchquerte den Laden. Ging vorbei an den Instrumenten, die sie so sehr liebte. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wie der Blockflöte, an der ihr im Alter von vier Jahren beinahe die Liebe zur Musik ausgetrieben worden war. Bis Laszlo sich schließlich eingeschaltet, sie von der musikalischen Früherziehung erlöst und in einer regulären Musikschule angemeldet hatte. Dort war sie sofort auf das Schlagzeug fixiert gewesen, obwohl sie dafür noch viel zu jung war. Doch Tessa lernte schnell und war inzwischen an Keyboard und Gitarre genauso versiert wie an den Drums.

„Morgen, Chef“, rief sie im Vorbeigehen durch die offene Bürotür, hinter der Hieronymus Prinz am Schreibtisch stirnrunzelnd auf den Bildschirm starrte. Sein kariertes Hemd war falsch geknöpft, und die linke Hand fuhr durch das, was einmal eine Frisur gewesen sein musste.

„Mannomann“, schimpfte er. „Wer denkt sich so einen Mist aus?“

„Ich komm ja schon.“ Tessa setzte sich neben ihn. „Zeig mal.“

„Danke. Ich glaube, langsam werde ich zu alt für diesen neumodischen Kram.“ Er lehnte sich zurück und musterte sie kurz. „Guck mich mal an! Dafür, dass ihr den Nachwuchspreis abgestaubt habt, siehst du aber ziemlich … mies aus. Oder habt ihr zu lange gefeiert?“

„Geht so“, erwiderte Tessa und wusste, dass Hieronymus ihr die Sorgen bereits an der Nasenspitze angesehen hatte. „Hab mal wieder Ärger mit Nadja.“

„Willst du darüber reden?“, fragte er. Als sie nickte, setzte er hinzu: „Aber danach musst du mir erzählen, wie es in Hamburg war.“

Hieronymus kannte sie seit ihrem ersten Ausbildungsjahr und war ihr in den letzten Jahren ein väterlicher Freund geworden. Er glaubte an ihr Talent und an ihre zukünftige Karriere und unterstützte Tessa, wo er nur konnte. Sie vertraute ihm und wusste, dass er verschwiegen war. Daher ließ sie nichts aus und berichtete ausführlich von Nadjas Schulden und dem unangenehmen Geldeintreiber.

„Und jetzt?“, fragte sie. „Soll ich sie etwa im Stich lassen?“

„Mädchen, ich habe nicht genug Geld, um dir den gesamten Betrag zu leihen, du weißt schon, die Sache mit dem Anbau, aber wenigstens …“

„Danke, Hieronymus, aber ich will nicht die einen Schulden mit den anderen ersetzen. Irgendwie muss es eine andere Lösung geben.“

„Für dein Auto wirst du wohl kaum noch etwas bekommen. Habt ihr nicht ein paar lukrative Gigs in den nächsten Wochen?“

„Ich weiß nicht, wie viele Beate bis jetzt organisieren konnte, aber daran wird unsere Auszeichnung so schnell nichts ändern können. Und bis wir von unserer Musik leben können, da muss noch viel …“

„… Wasser den Rhein herunterfließen“, ergänzte Hieronymus seinen Lieblingsspruch und stützte den Kopf in die Handflächen. „Du kannst heute Nachmittag etwas früher Feierabend machen und dir den Laden mal ansehen. Vielleicht lässt der Inhaber mit sich reden?“

„Danke, Chef.“ Tessa erhob sich. „Bei der Gelegenheit werde ich auch der Polizei einen Besuch abstatten. Wer weiß, vielleicht ist dieser Norbert ein stadtbekannter Betrüger.“

Dieses Entgegenkommen von Hieronymus war auch etwas, das sie an ihrem Chef liebte. Er gestattete ihr weitgehend flexible Arbeitszeiten, sodass sie je nach Bedarf für Proben oder Auftritte freinehmen konnte. Als Dankeschön machte sie unbezahlte Überstunden und Unlimited Werbung für seinen Laden.

Vor der Probe am Abend war sie mit Cleo verabredet, die noch nichts von Tessas neuestem Stress wusste. Die grauen Wolken verwandelten sich zunächst in Nieselregen und kurze Zeit später in kräftige Schauer. In dicken Tropfen klatschten sie gegen die Frontscheibe, als Tessa in die Barbarossastraße einbog. Dort wohnte Cleo neuerdings in einem stilvollen Altbau. Parkplätze waren hier Mangelware, doch nach zwei Runden um den Block und tausend Flüchen später schob sich direkt vor Tessa ein Smart aus der Parklücke. Sie kniff die Augen zusammen. Es würde eng werden, aber so viel breiter war ihr Toyota auch nicht.

Nachdem sie die Fahrertür geöffnet und sich durch den schmalen Spalt gepresst hatte und zur Haustür gesprintet war, sah sie bereits aus wie mit einem Eimer Wasser übergossen. Sie schüttelte sich wie ein Hund und drückte auf den Klingelknopf. Winterscheidt-Meinecke stand auf dem glänzenden Messingschild.

Tessa mochte Henning Winterscheidt, Cleos Lebensgefährten, der gerade die Schauspielschule absolviert und in einer Vorabendserie eine Nebenrolle ergattert hatte. Diesmal hoffte sie jedoch, ihn nicht anzutreffen. Männer störten nur, wenn es darum ging, sich bei der besten Freundin auszuheulen.

Cleo erwartete sie bereits an der Wohnungstür. „Puh, bist du nass! Komm rein, ich hole dir schnell ein Handtuch. Und dann gibt es extrasüßen Kakao mit Schlagsahne.“

„Cleo, du bist ein Engel.“ Tessa ließ sich in den Ohrensessel fallen, der am Fenster stand und genau die richtige Größe hatte, sich in die Kissen zu kuscheln und darin zu verschwinden. Während sie sich die Haare trocken rubbelte, werkelte Cleo in der Küche, und Tessas Blick fiel auf eine Fotografie, die auf dem Sideboard stand. Um zu erkennen, wer darauf zu sehen war, hätte sie ihre höhlenartige Zuflucht allerdings verlassen müssen.

„Das Foto kenne ich noch gar nicht. Ist das Henning?“

Cleo erschien mit zwei riesigen Tassen, von denen eine mit einer weißen Sahnehaube gekrönt war. „Nein, das bin ich mit meinen Eltern.“ Sie nahm das Bild vom Sideboard und drückte es Tessa in die Hand. „Da hatte ich kurz vorher bei der musikalischen Früherziehung einen Preis gewonnen, ich erinnere mich nicht mehr, wofür. Älter als vier oder fünf kann ich nicht gewesen sein.“

„Die Tonleiter auf deiner geliebten Blockflöte vielleicht?“ Tessa musste schmunzeln. „Aber das Kleidchen steht dir echt gut.“

„Hör auf. Sollte ich jemals Kinder haben, werde ich sie weder mit Blockflöten quälen noch mit Rüschenkleidern verunstalten. Das Foto habe ich übrigens von meiner Omi, sie hat mal wieder aufgeräumt.“

Tessa betrachtete den Schnappschuss, der eine über das ganze Gesicht strahlende Cleo zeigte. Die Urkunde, die es für was auch immer gegeben hatte, hielt sie sich stolz vor die Brust, und ihre Eltern hatten jeweils eine Hand auf ihre Schultern gelegt.

„Ich glaube, mein Vater hat damals schon gewusst, dass ich in seine Fußstapfen treten werde.“ Cleo ließ sich auf die Couch fallen, zog die Beine unter sich und nahm einen vorsichtigen Schluck. „Auch wenn er meine Musik grauenhaft findet.“

Tessa schmunzelte. Cleos Eltern, die bei den niederrheinischen Sinfonikern Geige und Cello spielten, konnten mit der Rockmusik, die Unlimited spielte, wenig anfangen.

„Jetzt erzähl mal, was passiert ist. Du siehst so traurig aus wie das Wetter da draußen.“

Tessa seufzte und erzählte von dem schmierigen Typen, der am Abend zuvor in ihre bis dahin noch halbwegs heile Welt eingedrungen war. „Vorhin bin ich dann bei dieser Firma Blitzkredit gewesen. Nach außen hin sieht die echt seriös aus, kommt rüber wie eine Bank. Dieser Geldeintreiber, ich glaube, Igor oder so ähnlich hieß er, sah aus wie ein Zuhälter oder ein Typ von der Russenmafia.“

„Hast du etwas erreicht?“

„Ich habe meine gesamten Ersparnisse als Anzahlung hingelegt und ausgehandelt, dass ich in den nächsten vier Monaten mindestens die Hälfte des ausstehenden Geldes zusammenkriege. Das Schlimme ist, je länger man wartet, desto höher steigt der Betrag, der allein durch die Zinsen verursacht wird.“ Sie schnaubte. „Das sind Wucherer.“ Tessa umfasste die bauchige Tasse mit beiden Händen und nippte an ihrem Kakao. Nicht nur die Wärme tat gut, auch der Aufdruck tröstete sie ein wenig.

Beste Freundin.

Eigentlich müsste auf der Tasse Einzige Freundin stehen, denn Cleo war wirklich der einzige Mensch, der seit Jahren zu ihr hielt und hinter die Mauern sehen durfte, die Tessa um sich herum hochgezogen hatte. Seit der Grundschule teilten sie Freud und Leid, quatschten die Nächte durch oder trösteten sich bei Liebeskummer. Auch als Tessa auf die Realschule und Cleo zum Gymnasium gewechselt war, um anschließend Musik zu studieren, hatten sie sich nie aus den Augen verloren. Und als Cleo Unlimited ins Leben gerufen hatte, war Tessa die Erste gewesen, die sie dazu aufgefordert hatte, mitzumachen.

Im Moment konnte ihr aber auch die beste Freundin außer moralischer Unterstützung nicht viel anbieten.

„Und dieser Norbert? Ist der wirklich auf Mallorca? Finde ich krass, einfach mit dem Geld abzuhauen.“

„Ich komme gerade von der Polizei, aber die können nichts machen, sagen sie. Meine Mutter hat ihm das Geld quasi geschenkt, und es ist nicht verboten, das anzunehmen.“ Tessa atmete ein paar Mal tief durch, um die aufsteigenden Tränen gar nicht erst an die Oberfläche kommen zu lassen. „Wenn ich nur wüsste, wie ich in der kurzen Zeit an so viel Geld kommen soll!“

„Ich habe ein bisschen …“, begann Cleo.

„Vergiss es“, fiel ihr Tessa ins Wort. „Das hat mir Hieronymus auch schon angeboten.“

„Das wäre nicht das erste Mal, dass er dir aus der Klemme hilft.“

„Aber damals war es ein Vorschuss aufs Gehalt und die Auszahlung meines Urlaubs.“ Tessa runzelte die Stirn. „Und außerdem hatte Nadja bloß Schnaps geklaut. Dann kam allerdings noch das Missgeschick mit dem Regal und der Versicherung …“

„Oh Tessa, ich kann mir heute immer noch nicht vorstellen, dass deine Mutter die Haftpflicht kündigt, um mehr Geld für Schnaps zu haben.“

„Wenn ich das wenigstens sofort gemerkt hätte. Aber nein, vorher musste sie ja unbedingt das Regal mit dem gesamten Spirituosenbestand umkippen.“ Bei der Erinnerung an diese Situation schüttelte Tessa den Kopf. „Und den Wodka hatte sie vorher in die Handtasche gesteckt.“

„Wäre fast witzig, wenn es sich nicht gerade um die eigene Mutter handeln würde.“

Eine Zeit lang starrten sie schweigend in ihre Tassen, bis Tessa sich aufrichtete. „Themawechsel. Du wolltest heute Morgen mit Beate wegen der Support Acts sprechen.“

„Ich habe mit ihr telefoniert.“ Cleo beugte sich vor. „Wir haben drei Auftritte bei den Bad Girls und …“

„Was? Bad Girls?“, quietschte Tessa, und ihr Herz schlug vor Aufregung schneller. Seit Jahren war diese Frauenband ihr Vorbild, besonders Drummerin Joanne. Bad Girls waren seit Langem gut im Geschäft, hatten bereits mehrmals an der Spitze der Charts gestanden und füllten locker kleinere Veranstaltungshallen.

„Geil, was?“, feixte Cleo. „Aber leider erst im Herbst. Jetzt im Juni sind wir zwei Mal bei Jonny and Beth, und dann waren noch zwei bei Four Lives geplant, aber die sind so gut wie gecancelt.“

„Warum das? Sind wir denen nicht gut genug, oder hat dieser Richie mal wieder zu tief ins Glas geschaut?“

„Mensch, Tess, manchmal spinnst du wirklich. Bist du inzwischen so empfindlich geworden, oder trägst du ihm noch immer die Sache von der After-Show-Party nach?“

„Wenn er bloß nicht so blöd gegrinst hätte! Aber egal, normalerweise werde ich ihn sowieso nicht wiedersehen. Was ist bei denen passiert?“

„Der Drummer hat sich den Oberarm oder so ähnlich gebrochen und fällt für ein paar Monate aus. Im Moment versuchen sie, einen adäquaten Ersatz für ihn zu finden, um die Tournee nicht absagen zu müssen. Du kannst dir vorstellen, wie schwierig das ist.“

„Das ist nicht nur schwierig, das ist nahezu unmöglich. Dieser Tom ist saugut. Ich habe ihn mal das Solo von Moby Dick spielen sehen. Echt der Wahnsinn.“

„Das kannst du genauso gut“, warf Cleo ein.

„Das glaubst du wirklich? Danke für die Blumen.“ Tessa freute sich über das Kompliment, doch um sich mit den besten Schlagzeugern der Welt zu messen, dazu fehlte ihr die Erfahrung.

Cleo erhob sich, um die leeren Tassen in der Küche aufzufüllen. Als sie Tessa den nächsten Kakao in die Hand drückte, grinste sie von einem Ohr zum anderen. „Ich habe eine Suuuperidee.“ Sie setzte sich, und das Grinsen schien auf ihrem Gesicht festgebacken zu sein. „Ich weiß jetzt, wer sich bei Four Lives bewerben wird.“

„Echt? Du kennst jemanden?“ Tessa sah ihre Freundin an, die mit den Zeigefingern imaginäre Trommelbewegungen in der Luft vollführte und dann mit dem Zeigefinger in Tessas Richtung zeigte.

„Cleo, du meinst doch nicht etwa, dass …?“ Plötzlich pochte ihr Herz wie wild hinter den Rippen. „Nie im Leben! Das ist kompletter Blödsinn. So gut bin ich nicht – und selbst wenn, ich würde niemals Unlimited verlassen und dann auch noch … Oh nein.“ Dann müsste sie zwangsläufig mit diesem Richie zusammenarbeiten, und das widerstrebte ihr zutiefst.

„Warum versuchst du es nicht? Sei nicht zu bescheiden. Zeig ihnen, was du kannst. Wenn es klappt, kannst du in drei bis vier Monaten so viel Kohle scheffeln, dass du deine Schulden los bist und sogar noch Geld zur Seite legen kannst. Für eine schöne neue Wohnung zum Beispiel.“

„Cleo, das passt nicht. Wie kann ich in Europa herumreisen und gleichzeitig bei Unlimited spielen? Und meine Mutter … Ich habe sie noch nie so lange allein gelassen.“

„Auch wenn sie inzwischen alt genug ist, um auf sich selbst aufzupassen, du hast immer noch Olga, die nach ihr schaut.“

„Und wenn sich die Termine überschneiden?“

Mit einer Handbewegung wischte sie Tessas Einwände beiseite. „Die Koordination dürfte bei den paar Gigs kaum ein Problem sein. Frag Beate.“