Himmlischer Aufstand

„Ich bitte um absolute Ruhe!“
„Ping. Ping“, klirrte der silberne Löffel an das Glas. Dadurch wurde es jedoch kein bisschen leiser im großen Versammlungssaal.
„Ruhe, meine Damen! Ruuheee!“
Aufgeschreckt wendeten jetzt auch die letzten Quasselstrippen ihre Köpfe in Richtung des Rednerpults, wo ihre Vorsitzende, Makrona Kokos, um Aufmerksamkeit rang.

„Liebe Kolleginnen! Als Vorsitzende unserer Gemeinschaft habe ich diese Versammlung einberufen, weil uns in den letzten Jahren immer wieder Beschwerdebriefe unzufriedener Kundinnen erreicht haben. Nicht immer lag das ersehnte Teil unter dem Weihnachtsbaum – oft wurde sogar ein ganz anderes Geschenk als das gewünschte geliefert.“
Mit mehlbestäubten Armen unterstrich sie ihren Ärger. „Daher mein Vorschlag: die Bearbeitung der Wunschzettel von Erwachsenen wird ab sofort in die Hände von uns Frauen gelegt. Wir vermuten nämlich, dass in der Wunschzettelabteilung der Postannahmestelle viele Wünsche einfach abgeändert werden.
Ein Beispiel: Frau Selma Steinmetz aus Duisburg wünschte sich ein Wellnesswochenende. Was bekam sie? Einen Gutschein vom Reformhaus!“
Ein abfälliges Raunen schwang durch den Saal.
„Oder Frau Jessica Müller aus Paderborn. Statt mit heißersehnten Overkneestiefeln wurde sie mit einem Mixer beglückt, da der alte kurz zuvor seinen Geist aufgegeben hatte.“
„Unmöglich!“ Salamandra Gabora lief vor Aufregung rot an.
„Aber das sind nur zwei Beispiele von vielen. Hier müssen dringend Änderungen vorgenommen werden. In diesem Jahr werden wir also dafür sorgen, dass alle Frauen genau das bekommen, was sie sich wünschen.“

Lächelnd wartete Makrona Kokos den Applaus ihrer Geschlechtsgenossinnen ab.
„Aber das ist noch nicht alles. Auch wir sind nicht zufrieden und zwar mit unserer Arbeitssituation. Laut Informationen unseres Juniorchefs ist der Weihnachtsmann zunehmend überfordert. Dadurch kam schon in den letzten Jahren immer mehr Arbeit auf uns Frauen zu. Das ganze Jahr hindurch müssen wir backen, basteln, streichen und malen! Sogar das Programmieren von Computerspielen gehört immer häufiger zu unseren Aufgaben. Und zu guter Letzt sollen wir alles hübsch verpacken, adressieren und auf die Schlitten laden.“
Beifall heischend sah sie sich um. Die meisten Zuhörerinnen nickten zustimmend und klopften anerkennend auf die Tischplatten.
„Jetzt frage ich Euch: Wo bleibt der Dank, der uns zusteht?“
Makronas Stimme mutierte zum Falsett. „Gedankt wird nur unserem lieben Weihnachtsmann. Er darf die Geschenke verteilen, um dann die Lorbeeren dafür einzuheimsen. Jedes kitschige Adventsgedicht, jede rührselige Weihnachtsgeschichte auf der Erde rankt sich nur um ihn.“
Sie hielt kurz inne.
„Aber damit ist jetzt Schluss!“
Mit ihrem goldenen Rührlöffel schlug sie drei Mal kräftig auf das Rednerpult, so dass der daran haftende Teig in alle Richtungen spritzte.
„In diesem Jahr wird der Weihnachtsmann …“, sie machte eine wirkungsvolle Pause, „durch eine Weihnachtsfrau ersetzt!“
Jetzt tobte der Saal. Die Frauen hüpften von ihren Wolkenstühlen und umarmten sich. Welch eine grandiose Idee!
„Liebste Makrona, hast du dir schon überlegt, wer dieses Amt übernehmen soll? Doch nicht etwa du selbst?“
„Keine Bange, meine liebe Mona, ich werde mir nicht die Blöße geben, wie unser Kollege Weihnachtsmann im Kamin stecken zu bleiben. Und auf Diäten habe ich keine Lust.“
Mona Striezel ließ sich wieder zurück in ihre Wolke sinken. Lautstark begannen alle Frauen miteinander zu diskutieren, wer an Weihnachten mit dem Schlitten fahren und die Geschenke verteilen sollte.
Makrona klopfte nochmals an ihr Glas.
“Natürlich habe ich mir über die zukünftige Weihnachtsfrau schon Gedanken gemacht. Die Bewerberin sollte über Kompetenzen im logistischen und kommunikativen Bereich verfügen, umfassende Kenntnisse in Fremdsprachen, Geographie und Schlittenmechanik besitzen sowie die Fähigkeit, aufgeregte Rentiere zu beruhigen und im Notfall zu verarzten. Und zu guter Letzt sollte sie ein attraktives, medienwirksames Äußeres vorweisen können. Schlankheit ist natürlich von Vorteil, wenn man an diese engen Kamine heutzutage denkt …“
Sie räusperte sich.
„Wenn also eine von uns diese Vorzüge in sich vereinigt, wäre sie die ideale Nachfolgerin unseres Weihnachtsmannes. Meldet sich jemand freiwillig?“
Plötzlich wurde es still. Gesichter drehten sich zur Seite, Füße scharrten unter dem Tisch. Kein Räuspern war mehr zu hören. Nur am letzten Tisch kicherte jemand leise, Vera Poorten stellte verlegen eine kleine Flasche zurück in ihre Handtasche.
„Und? Niemand aus unserer Gemeinschaft traut sich diese Aufgabe zu?“
„Doch, ich!“ Ein überaus schlankes Mädchen mit langen blonden Haaren erhob sich.
„Wer bist du?“
„Mein Name ist Barbie.“
„Barbie wer?“
„Nur Barbie. Einen Nachnamen hat man mir nie gegeben. Aber ich erfülle alle Voraussetzungen und würde den Job gerne übernehmen. Da ich den meisten Mädchen und Frauen auf der Erde schon bekannt bin, dürfte meine Vermarktung als Weihnachtsm …eh …frau kein Problem darstellen.“
„Um die Abstimmung kurz zu machen; wer ist dafür, dass Barbie den Job bekommt?“
Alle Hände reckten sich in die Höhe.
„Also einstimmig angenommen. Herzlichen Glückwunsch! Jetzt werden wir den Weihnachtsmann holen lassen und ihn vor vollendete Tatsachen stellen.“
Makronas Blicke wanderten suchend im Saal umher und blieben auf einer kräftigen Frau im ledernen Engelsgewand hängen.
„Madame Danuta Dominata, wie mir scheint, sind Sie für diese Aufgabe bestens geeignet. In ihrem irdischen Leben haben sie ja schon mehr als einen Mann zur Raison gebracht.“
Unverzüglich machte sich Madame Dominata auf, um den Weihnachtsmann zu holen. Kurze Zeit später erschien sie mit dem völlig verdutzten Kollegen, der wohl zur Sicherheit gegen die weibliche Übermacht den Nikolaus und dessen Knecht Ruprecht mitbrachte..
Doch entgegen aller Befürchtungen reagierte der Weihnachtsmann auf seine Freistellung recht gelassen.
„Das kommt mir im Moment sogar sehr entgegen. Da bei mir ein sogenanntes Burn-Out-Syndrom festgestellt wurde, kann ich eine gewisse Entlastung gut gebrauchen.“
Er klopfte sich auf den Bauch und dem Nikolaus auf die Schulter.
„Niko und Ruppi, lass uns gehen. Jetzt können wir an den langen Winterabenden endlich unsere Pokerrunde wieder aufleben lassen. Und den Damen wünsche ich viel Erfolg!“

Jetzt kam viel Arbeit auf die neu gebildete AG Weihnachten zu. Die ersten Briefe waren bereits eingetroffen und alle Frauen bemühten sich, dem Schreiber und seinen Wünschen gerecht zu werden.
Paola Pradani und Hedwig Hermès entwarfen eine himmlische Kollektion topaktueller Mode. Viele Frauen wünschten sich Kosmetik; für sie widmete sich Dagmar Douglasié mit Feuereifer neuen Anti-Age Produkten und verführerischen Düften; für Schuhe und Stiefel wiederum zeichnete Salamandra Gabora in Zusammenarbeit mit Zara Zalandini verantwortlich.
Sogar einigen vernachlässigten Männern versuchte man entgegen zu kommen, hier engagierte man Steffi Äppeljobs für Soft- und Hardware, Hiltrud Hage-Bauer für die vielen Wünsche der Möchtegernprofiheimwerker sowie Medusa Medion für die elektronischen Highlights.

Kurz vor dem vierten Advent rief Makrona Kokos noch einmal eine Versammlung ein.
„Meine Damen, leider sind wir mit einem unerwarteten Problem konfrontiert worden. Wir bekommen weiterhin Beschwerdebriefe. Diesmal jedoch betreffen sie unsere Weihnachtsfrau.“
Barbie, die in der ersten Reihe saß, schaute erschrocken hoch.
„Was habe ich denn falsch gemacht?“
„Es sind ausnahmslos Frauen, die sich beschweren, aber nicht über dich, sondern über ihre Männer. So lange der Weihnachtsmann in seinem roten Mantel mit Kapuze, weißem Rauschebart und seiner gemütlich wirkenden Leibesfülle aufgetreten ist, gab es nie Probleme. Die Kinder fanden ihn lieb, die Frauen knuddelig und den Männern war sein Aussehen egal. Doch jetzt haben wir es mit einer grundlegenden Änderung zu tun.“
Makrona machte eine Pause und fixierte Barbie.
„Neuerdings wollen die Väter mit ihren Kindern in die Warenhäuser. Sie stehen stundenlang fasziniert vor der neuen Weihnachtsfrau. Die Kleinen auf den Schoß zu nehmen, das war bei deinem Vorgänger kein Problem. Aber jetzt! Überall bilden sich lange Warteschlangen von Männern, um dieses Angebot wahrzunehmen, während die Ehefrauen grün im Gesicht werden. Sie fordern tatsächlich die Rückkehr des Weihnachtsmannes!“
Erschöpft wischte sich Makrona über die Stirn und blickte wortlos in die Runde; sie schien mit ihrem Latein am Ende zu sein.
„Ich hätte da eine Idee“, meldete sich Dagmar Douglasié zu Wort „ich werde Barbie schminken, dass sie aussieht wie …“
„Niemals!“ Wütend sprang Barbie auf. „Ich werde mir weder eine rote Nase noch einen Bart ankleben lassen. Und meine Figur verderbe ich mir auch nicht mit so einem überdimensionalen Sack von Mantel! Soll ich dann vielleicht auch noch Hohohoo rufen?“
Sie stand vor ihrem Wolkenstuhl, die Arme vor der Brust verschränkt und ließ einige dekorative Tränen kullern.
„Wenn ich das machen muss, trete ich von meinem Amt zurück!“
„Ich habe eine bessere Idee.“ In der letzten Reihe, neben Vera Poorten und der Fürstin von Meckernich, erhob sich Bella von Nonsens, die allgemein bekannt war für ihre kreativen Ideen.
„Barbie, was ist mit deinem Freund? Hat der zurzeit einen Job?“
„Du meinst Ken? Ach was! Der steht stundenlang vor dem Spiegel oder lungert im Fitness-Studio herum, wenn er nicht gerade mit seiner Y- Box spielt. Wie sollte der uns helfen?“
Jetzt erwachte Makrona Kokos aus ihrer depressiven Lethargie.
Bella von Nonsens hakte die Daumen in ihren sternenbestickten Overall und verkündete lautstark:
„Ich schlage vor, dass Barbie mit Ken zusammen die Weihnachtstour macht. Der Nikolaus hat seinen Knecht Ruprecht, warum sollte unsere Weihnachtsfrau nicht auch einen Begleiter mitbringen? Er braucht nichts Besonderes zu können, es reicht aus, wenn er dekorativ daneben sitzt und die eifersüchtigen Frauen beruhigt.“

Diese Idee war ab sofort Programm. Ken wurde nicht lange gefragt, und er fügte sich ohne zu murren in sein neues Amt. Dank seines Muskeltrainings wäre er sogar in der Lage, den Schlitten frei zu schaufeln, falls sie einmal in Tiefschneewolken stecken bleiben sollten.
Barbie absolvierte noch schnell den vorgeschriebenen Lehrgang „Wie bezwinge ich jeden Kamin? Chimney- Free- Climbing für Anfänger“ ,sowie die Prüfung für den Rentierschlittenführerschein, bevor sie sich mit ihrem Partner am vierundzwanzigsten Dezember auf den Weg machen wird.

Und so steht einem absolut innovativen Weihnachtsfest 2015 nichts mehr im Wege.