Der beschwipste Weihnachtsmann

Und es begab sich zu der Zeit, da eine Kältewelle hereinbrach, die auch vor dem Himmel nicht haltmachte. In sämtlichen Wolkenräumen war die Heizung ausgefallen, und da man inzwischen auf modernste Technik umgestellt hatte, waren die gemütlichen gusseisernen Kaminöfen abgeschafft worden. Alle himmlischen Angestellten waren ohne Ausnahme davon betroffen, so dass sich der Weihnachtsmann bereits am Tag vor dem Heiligen Abend ein Gläschen Cognac einschenkte. Normalerweise genehmigte er sich nur einen winzigen Schluck und auch den erst, wenn er seine Arbeit erledigt hatte. Doch in diesem Jahr war es so bitterkalt über den Wolken, dass er meinte, seine Zehen würden abfrieren, wenn er nicht wenigstens von innen etwas Wärme zuführen würde.
„Auf einem Bein kannst du nicht stehen“, meinte Knecht Ruprecht und blinzelte dem Nikolaus verschwörerisch zu. Wusste hier doch jeder, dass der Weihnachtsmann nicht viel vertragen konnte. Die Einwände des Christkinds, das er mit mehr als 0,8 Promille auch keinen Rentierschlitten mehr lenken durfte, ließ er links liegen. Er war schließlich alt genug.
Der zweite Cognac wärmte dann schon ein wenig mehr und nach dem dritten Glas kam er langsam in Stimmung. Endlich war ihm nicht mehr kalt.
„So, dann wollen wir mal schauen, welche Wünsche ich noch nicht abgearbeitet habe.“ Er kratzte sich am Kopf und griff nach seinem Handy, in welchem ihn die verspätet abgeschickten Wunschnachrichten erreicht hatten.
„Elisabeth Meier aus Paderborn wünscht sich einen neuen Staubsauger.“ Er schüttelte den Kopf. „So was Langweiliges. Na ja, wenn sie ihn denn unbedingt haben will.“
Er scannte den Wunsch, ein Lieferschein wurde ausgedruckt, welchen er auf das Wunschzettelförderband legte, dann tippte er eine Nummer auf das Bestelldisplay und schon begann das Band, sich in die richtige Abteilung zu bewegen.
Der nächste Wunsch kam von Friedrich Ochsenmaul aus Wangen im Allgäu. „Lieber Weihnachtsmann“, schrieb er, „eigentlich habe ich noch nie geglaubt, dass es dich gibt. Doch ich bin jetzt fast siebzig Jahre alt und mein Enkel meinte, ich würde schon sehen, dass mein Wunsch in Erfüllung geht. Ich wünsche mir also: eine hübsche junge Frau. Besondere Merkmale keine, nur hübsch muss sie sein. Und ein bisschen mehr so oben herum, du weißt schon was ich meine.“
Der Weihnachtsmann starrte auf sein Handy. Dass solche Wünsche aber auch immer erst kurz vor Feierabend abgeschickt wurden. Wo sollte er auf die Schnelle eine Frau herbekommen, ganz abgesehen davon – so eine Extraausstattung hatte eine längere Lieferzeit. Er machte sich eine handschriftliche Notiz, die er neben das Förderband legte. Vielleicht fiel dem Petrus dazu etwas ein.
Kevin Schmitz aus Duisburg wünschte sich ein Rennrad, einen Computer mit mindestens drei Terabyte Festplattenspeicher und das allerneueste I-Phone.
„Das hätte ich selbst gerne“, murmelte der Weihnachtsmann und zuckte zusammen. Jetzt bekam er auch noch einen Schluckauf. Außerdem bewegte sich das Band inzwischen nur noch in Schlangenlinien. Vielleicht sollte er gleich den Techniker anrufen, doch jetzt musste er sich sputen und die restlichen Aufträge eingeben. Auch die Aufmerksamkeiten, die sich die himmlischen Mitarbeiter untereinander schenkten, durfte er nicht vergessen, obwohl es in seinem Kopf inzwischen anfing zu summen. Ob der dritte Cognac vielleicht doch ein wenig zu groß ausgefallen war?
Der nächste Wunsch kam von Tamara aus Leipzig. „Herzallerliebster Weihnachtsmann“, schrieb sie, „mein Freund und ich sind schon so lange zusammen, es wäre schön, wenn er mir unter dem Baum einen Antrag machen würde. Vielleicht kannst du da irgendwie ein bisschen nachhelfen?“
Klar konnte er das. Ein paar Verlobungsringe als Wink mit dem Zaunpfahl, in einer goldenen Verpackung mit roten Herzchen darauf? Das würde sicher den gewünschten Erfolg bringen.
Noch sieben weitere Wünsche fanden den Weg über das Förderband und nach getaner Arbeit lehnte er sich zurück. Ganz schwindlig war ihm geworden, und er sollte sich noch ein wenig ausruhen, wenn er zum Heiligen Abend rechtzeitig die bestellten Geschenke abliefern wollte.

Am Tag nach Heiligabend ließ sich der Weihnachtsmann erschöpft in seinen roten Ohrenbackensessel fallen und streifte die Stiefel von den Füßen. War er froh, dass der Stress für dieses Jahr vorbei war. Alle Geschenke waren abgeliefert, jedes einzelne schön verpackt. Sein eigenes Geschenk, das er sich zur Belustigung seiner Kollegen jedes Jahr selbst unter den Baum legte, stand in einem rot verschnürten Paket neben dem Sessel.
Sein Handy piepte. Verwundert sah er auf das Display. Kevin aus Duisburg? Wollte der Junge sich schon jetzt bedanken? Mit tiefer Befriedigung, dass es auf der Erde doch noch einige gut erzogene Jugendliche gab, öffnete er die SMS.
„He, Alter“, stand da in kleinen weißen Buchstaben. „Das war ja echt krass, als ich mein Geschenk gestern auspacken durfte. Rattenscharf die Frau. Selbst mein Vater war begeistert. Da war es gar nicht so schlimm, dass ich mein I-Phone nicht bekommen habe. Nur meine Mutter war ein wenig sauer, denn sie taugt noch nicht einmal zum Fensterputzen.“
Der Weihnachtsmann schüttelte den Kopf. Kein I-Phone? Wieso eine Frau? Sollte er da eine Lieferung verwechselt haben? Doch bevor er überhaupt zum Nachdenken kam, trudelte eine weitere SMS ein.
„Lieber Weihnachtsmann, ich wusste doch, dass es dich nicht gibt! Hochachtungsvoll, Friedrich Ochsenmaul.“
Oh, je, das war ja wirklich schlecht gelaufen, dieses Jahr. Wenn der Chef davon Wind bekäme. Instinktiv zog er den Kopf zwischen die Schultern bei der Vorstellung einer saftigen Strafpredigt, die ihn erwarten würde. Vielleicht sollte er sein eigenes Päckchen schnell öffnen, damit er die darin befindliche Flasche Cognac schon einmal vorsorglich anbrechen konnte.
Weitere Nachrichten trafen ein. Einige Menschen bedankten sich ganz artig, andere wiederum waren mit ihrem Geschenk überhaupt nicht einverstanden. Frau Meier aus Paderborn meinte, wenn ihre Wünsche schon so ignoriert würden, hätte sie sich eher über einen Rollator als über ein Rennrad gefreut. Im nächsten Jahr würde sie bei Amazon bestellen, das wäre sicherer. Tamara aus Leipzig hingegen ärgerte sich über einen Staubsauger.
Es klopfte und bevor er reagieren konnte, stand das Christkind an der Tür.
„Huhu, Weihnachtsmann, hier bin ich!“ In elegantem Bogen schwebte es auf ihn zu und klimperte mit den Wimpern. „Endlich, mein Liebster“, flötete es und zog ein goldenes Päckchen mit roten Herzen aus ihrer Flügeltasche, „ich habe doch immer schon gewusst, dass wir beide zusammengehören.“