Schwarz – Weiß

Photos, albums and letters.„Guck mal, was ich auf dem Dachboden gefunden habe!“
Opa Willi schrak aus seinem Mittagsschlaf hoch und kippte mit seinem neuen Relaxsessel spontan nach vorn. Durch die verrutschten Gläser seiner randlosen Brille blinzelte er mich lächelnd an. “Was denn, min Jung?“
„Hier, die Schachtel.“ Aufgeregt präsentierte ich ihm meinen Schatz. „Die lag unter der Kommode, die der Oma gehört hat. Mama sagt, es ist deine. Ich soll dich fragen, ob ich sie aufmachen darf.“

Er nickte mir zu und gleichzeitig verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht. Ich hielt die Schachtel hoch und pustete über das verkratzte Holz. Staubkörnchen tanzten im Sonnenlicht und kitzelten mich in der Nase. Mit klopfendem Herzen öffnete ich den Deckel, der nur mit einem rostigen Metallschieber verschlossen war.
In der Kiste waren nur Fotos. Sie mussten alt sein, manche waren geknickt oder hatten gelbliche Ränder, einige hatten einen Zackenrand. Auf dem obersten Bild war eine Frau zu sehen, die ein langes Kleid trug und ein altmodisches Fahrrad festhielt. Opa Willi nahm es in die Hand.
„Wer ist das?“ Ich kletterte auf seinen Schoß und lehnte mich an seine Schulter.
„Das war deine Oma, kurz nachdem ich sie kennengelernt hatte. Da war sie etwas jünger als Ulrike heute ist.“
„Sie sieht gar nicht aus wie eine Oma. Aber älter als Mama.“ Ich zeigte mit dem Finger auf das Fahrrad. „Sahen die damals immer so aus?“
„Das war früher einmal ein hochmodernes Rad.“ Stolz schwang in seiner Stimme mit. „Das konnte sich nur leisten, wer Arbeit hatte und gut verdiente.“
Jetzt fiel mir ein, was ich von Opa immer schon einmal wissen wollte..
„War die Welt eigentlich früher immer nur schwarz und weiß?“
Diese Frage interessierte mich brennend, schließlich waren diese alten Filme, die ab und zu im Fernsehen gezeigt wurden, auch ohne Farbe.
Jetzt lächelte er, als er mir über den Kopf streichelte. „Das Leben war früher genauso bunt. Ich glaube, manches sogar noch mehr als heute. Aber man konnte es noch nicht auf Bildern zeigen.“
Ein weiteres Foto zeigte Männer in dunklen Anzügen, die steif nebeneinander standen. Auf einem anderen war ein Oldtimer zu sehen. Die gab es also damals auch schon. Ich fischte ein weiteres Bild aus dem Karton. Opa nahm es mir aus der Hand und betrachtete es, ohne etwas zu sagen. Komisch, mir war nie aufgefallen, dass seine Hände zitterten
„Wer sind die Kinder auf dem Foto?“

Wartende Kinder„Das bin ich und …“ Er starrte weiter auf die Fotografie; fast sah es so aus, als hätte er mich vergessen.
„Opa?“
„Entschuldige. Hier links, das bin ich. Ich glaube, als das gemacht wurde, muss ich ungefähr so alt gewesen sein wie du heute. Wir waren gerade in die Schule gekommen. Der Junge neben mir, das war …“, er räusperte sich, „er hieß Simon. Er war mein bester Freund.“
„So wie Lukas und ich?“
„Genau so. In der Schule wurde er immer gehänselt oder verprügelt. Ich war der Einzige, der ihm geholfen hat.“
„Echt?”
Opa Willi zog mich ganz nah zu sich heran. „Leider konnte ihn ihn nicht immer beschützen, eines Tages wurde er mit seinen Eltern abgeholt.“ Seine Stimme war ganz leise geworden.
„Wieso abgeholt? Wer denn und wohin? Das verstehe ich nicht.“
Ich hörte, wie Opa ganz tief Luft holte, bevor er weitersprach. „Er war Jude, das heißt, er hatte eine andere Religion als wir. Das hatte der Regierung damals nicht gefallen und so sollten alle Juden …weggebracht werden. Ich wollte Simon im Keller verstecken, wenn es …soweit war.“ Er schluckte. „Sie kamen, als ich nicht zu Hause war.“
„Und wo haben sie ihn hingebracht?“
Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht.“
„Ich werde Mama fragen. Die hat Internet und sie sagt immer, da findet man alles.“
Er drückte mich fest an sich. „Oh, Kinners, ihr mit eurem neumodischen Kram.“ Opas Stimme war jetzt so wie meine, wenn ich Schnupfen habe.

Einige Wochen später stürmte Mama in Opa Willis Zimmer. In ihrer Hand hielt sie ein Stück Papier, wedelte damit unter seiner Nase herum.
„Ich habe ihn übers Internet gefunden. Er lebt heute in der Schweiz, ob er sich wohl freuen würde, wenn du ihn besuchst?“
Ich schaute zu Opa. „Ach, Kinners“, flüsterte er. Und Schnupfen hatte er auch schon wieder.