Torschlusspanik

In zehn Minuten ist es soweit. Schnell noch die neue Strumpfhose faltenfrei zupfen, in die hochhackigen Pumps schlüpfen und – fertig. Mein Spiegelbild mahnt zwar etwas verschmierte Wimperntusche, doch so eine Kleinigkeit kann ich noch rechtzeitig in Ordnung bringen. Doch bevor ich die Tür zum Bad öffnen kann, klingelt es.

Pink roses on  old white wooden background

 

 

 

 

 

Der Blick durch den Türspion bestätigt meine Befürchtung – Er kommt zu früh. Grauer Zwirn, graue Haare, graue Gesichtsfarbe. Ich straffe die Schultern und öffne.

„Gestatten, mein Name ist Schmitz – Backes. Ich komme vom Institut für anspruchsvolle Partnerschaftsvermittlung.“
„Oh. Ja. Hmm.“
„Wir haben eine Verabredung.“ Der gestrenge Unterton in seiner Stimme erinnert mich an meinen früheren Mathelehrer.
„Kommen Sie doch bitte herein.“ Ich gehe vor ihm her zum Balkon, auf dem die Nachmittagssonne liebevoll auf die frisch bepflanzten Blumenkästen scheint.
„Ach wie schön, Sie haben ein Händchen für Blumen?“ Herr Schmitz-Backes lässt seinen Blick wohlgefällig über meine Geranien schweifen. Dass diese Farbenpracht den Sommer nicht erleben wird, da das Blumenhändchen nicht mir, sondern meiner Nachbarin gehört, brauche ich ihm nicht auf die Nase zu binden. Ich biete ihm den Platz in der Sonne an.
„Möchten Sie ein Tässchen Kaffee oder lieber ein Glas Saft?“, flöte ich so liebenswürdig wie möglich. Immerhin würde von der Beurteilung dieses Menschen mein zukünftiges Lebensglück abhängen.
„Nur Wasser bitte.“ Er setzt sich. „Aber ohne Kohlensäure, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“
Es macht mir natürlich nichts aus. Mit zuckersüßem Lächeln überreiche ich ihm ein Glas Leitungswasser mit einer Zitronenscheibe und drei Eiswürfeln. Der filigrane Korbsessel ächzt unter seinem Gewicht, als er sich vorbeugt und umständlich einige Unterlagen aus seinem Diplomatenköfferchen nimmt. Die Papiere entpuppen sich als Fragebogen. Noch einmal schaut er mich an, als sei ich das Kaninchen auf einer Ausstellung, um dann einen silbergrauen Kugelschreiber zu zücken. Ich atme tief ein und wappne mich für alle kommenden Fragen.
„Familienstand?“
„Ich bin Beamtenwitwe.“
„Wie sind Ihre Vermögensverhältnisse?“
„Ich bin finanziell abgesichert. Das hier ist eine Eigentumswohnung.“
„Ihr Alter?“
„Ich bin so circa Anfang sechzig.“
„Und Ihr Geburtsdatum?“
Ich befürchte es. Eine Fangfrage. „Hm, am 19. 3. 1948.“ Mathematik ist noch nie meine Stärke gewesen.
„Also sind Sie schon fast 70“, kontert Herr Schmitz – Backes überaus korrekt.
„Aber noch sehr gut erhalten, wie sie sicher schon bemerkt haben“, werfe ich ganz schnell ein und schenke ihm einen für besondere Einsätze lange vor dem Spiegel geübten Augenaufschlag.
Er nimmt seine graue Hornbrille ab, putzt sie umständlich mit einem karierten Taschentuch, setzt sie wieder auf und beäugte mich über den Rand.
„Was soll ich denn nun schreiben?“
„Natürlich Anfang sechzig, was sonst?“
Seufzend kritzelt er etwas auf den Fragebogen, der auf seinen Knien liegt. „Haben Sie einen Führerschein?“
Meine Schultern strafften sich von ganz allein. „Natürlich, ich habe sogar ein Auto.“ Dass ich nur ein paar Wochen Fahrpraxis habe und das gute Stück in der Tiefgarage sein Schattendasein fristet, verschweige ich ihm wohlweislich.
„Was müssen Sie denn sonst noch alles wissen? Ich reise zum Beispiel gerne, mein letzter Urlaub war eine Kulturreise in die Türkei, da habe ich Wanderungen zu alten Ausgrabungsstätten gemacht.“
Herr Schmitz-Backes sieht mich an, als hätte ich ihm von meiner letzten Marsexpedition erzählt.
„Ich arbeite mit Ihnen jetzt nur den Fragebogen ab, für so außergewöhnliche Dinge ist hier kein Feld vorgesehen.“ Er beugt sich über seine Papiere. „Haben Sie Freude an Hausarbeit?“
„Freude?“, krächze ich. Die Fenster, die ihm gottseidank verborgen geblieben sind, müssten dringend mal wieder geputzt werden, und wenn man mich fragt, ob ich Freude daran habe, eine Toilette zu reinigen oder Tischdecken zu bügeln, kann ich schlecht heucheln. Ich schüttele den Kopf. „Eigentlich nicht.“
„Aber Sie kochen doch sicher gerne?“
„Nicht wirklich, nein.“
„Können Sie denn wenigstens handarbeiten?“
„Sagen Sie, Herr Schmitz-Backes. Suchen Sie eine Haushälterin?“ Im Laufe der letzten Fragen bin ich zunehmend unruhiger geworden. Doch wenn ich diese nicht zu seiner Zufriedenheit beantworte, bekäme ich wahrscheinlich niemals den Kontakt zu ihrem Vorzeigemann, diesem Hans-Joachim, vermittelt. Ich nehme mir fest vor, die nächsten Fragen ganz in seinem Sinne zu beantworten. Dass ich nicht gut kochen kann, würde mein Traummann mir schon verzeihen.
„Tut mir leid, aber diese Fragen sind nun mal hier vorgegeben.“
Ich seufze. „Ist schon in Ordnung, fragen Sie weiter.“
„Haben Sie einen Beruf gelernt?“
„Hm, ich hätte gerne Kunst studiert, hatte sogar schon ein Stipendium in der Tasche, musste aber auf Wunsch meines Vaters eine Lehre als Technische Zeichnerin machen.“
„Warum sagen Sie das nicht gleich?“
Ich beuge mich etwas vor und sehe, wie er die Berufsbezeichnung in eine Spalte schreibt. „Aber ich arbeite doch schon seit zwanzig Jahren erfolgreich als Malerin.“
„Danach wird aber hier nicht gefragt.“ Herr Schmitz – Backes spricht mittlerweile langsamer und betonter, als wolle er mir beibringen, wie man Fragen richtig beantwortet.
„Interessiert man sich in Ihrem Fragebogen nicht nach sportlichen Aktivitäten? Ich bin seit über dreißig Jahren aktive Sportlerin. Im Winter laufe ich Ski, ich wandere gerne und jogge mehrere Male in der Woche.“
Herr Schmitz – Backes nimmt seine Brille ab und schaute mich verständnislos an. „Diese Fragen sind aber in meinem Fragebogen nicht enthalten.“
„Dann schreiben Sie diese doch bitte zusätzlich auf, und auch, dass ich mehrere Fremdsprachen beherrsche und interessiert bin an Geschichte, Politik und Archäologie“, füge ich hinzu.
Er räuspert sich. „Dieser Fragebogen ist von speziell dafür ausgebildeten Experten mit jahrelanger Berufserfahrung sorgfältig ausgearbeitet und auf das Niveau der deutschen Durchschnittsfrau abgestimmt worden.“
„Ich entspreche wohl kaum der deutschen Durchschnittsfrau und will sie mit Sicherheit nicht sein“, wage ich aufzumucken.
Ein süffisantes Lächeln umspielt seine Lippen. „Bei intellektuellen Damen haben wir bedeutend größere Probleme, einen passenden Partner zu finden.“
Am liebsten würde ich aufspringen und ihn mit seiner langweiligen Krawatte erwürgen. Aus welchem Jahrhundert kommt dieser Mensch? Soll ich mich hier als dummes Muttchen anbieten, damit ich einen Versorger an Land ziehen kann? Das habe ich nun wirklich nicht nötig. Doch Herr Schmitz-Backes hat den Kopf gesenkt und spielt mit seinem Kugelschreiber. Ein verlegener Rosaton gibt seinem vormals grauen Gesicht einen lebhaften Touch.
„Ich habe hier noch eine letzte Frage.“ Er räuspert sich mehrmals und fixiert die Geranien hinter mir. „Was halten Sie von Sex?“
Darauf bin ich nach all den biederen Fragen nun wirklich nicht vorbereitet. Ich weiß nicht, wie er meinen Gesichtsausduck deutet, doch ohne eine Antwort abzuwarten, lächelt er plötzlich und setzt ein Kreuz in die Spalte für positive Erwartungen.
Mir fällt plötzlich nichts mehr ein, und ein Widerspruch ist in diesem Fall wohl unangebracht.
„Hm, das wär´s dann ja wohl!“ Herr Schmitz – Backes wischt sich den Schweiß von der Stirn und fischt ein weiteres Blatt aus seiner Aktentasche. Mit einem Lächeln überreicht er mir seinen Stift: „Wenn Sie das hier bitte unterschreiben würden.“
Den kleingedruckten Text überfliege ich nur kurz, der Kugelschreiber hat den ersten Buchstaben schon geschafft, als ich plötzlich eine mir haarsträubend hoch erscheinende Summe entdecke. Mir wird ganz heiß.
„Adieu Hans-Joachim, dich werde ich wohl nie kennenlernen“, schießt es mir durch den Kopf, als ich den Stift ablege und Herrn Schmitz-Backes den Vertrag zurückgebe.
„Das wär´s dann ja wohl“, ahme ich ihn nach.
Nach einer wohldosierten Pause, in der sich der freundliche Herr nachdenklich am Kopf kratzt: „Ihnen ist schon bewusst, dass unsere Agentur nur die besten Adressen vermittelt? Ausgesuchte Partner, überwiegend Akademiker, seriös und solvent. Dieser außergewöhnliche Service hat natürlich seinen Preis.“
Er zögert einen Augenblick, um dann väterlich jovial meinen Oberarm zu tätscheln. „Aber Ihnen zuliebe will ich eine Ausnahme machen. Was halten Sie davon, den Betrag in mehreren Raten zu bezahlen?“
Schneller als ein Taschenrechner addiert und subtrahiert er einige Beträge hin und her und präsentiert mir das Ergebnis, bei dem ich jedoch immer noch schlucken muss.
„Und bedenken Sie“, spielt er sein wohl letztes Pfand aus, „Je eher Sie unterschreiben, desto früher werden Sie den Mann ihrer Träume kennenlernen. Er wartet bestimmt schon auf Sie.“
Ich seufze und nehme den Kugelschreiber wieder in die Hand.
Hans-Joachim, ich komme.