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Schalte Fernseher und Radio aus, besorge dir etwas zu trinken, mache es dir bequem und dann – Viel Spaß beim Lesen der ersten vier Kapitel von

Sommerblues

 

Prolog

Echt cool, dieser Song von The Cure, seiner absoluten Lieblingsband. Jan zog den Lautstärkeregler seines Kassettenrecorders weit nach oben und wippte mit den Füßen im Takt der ausgelassenen Gitarrenriffs von Friday, I’m in Love. Auch den Refrain konnte er inzwischen fehlerfrei mitsingen. Er streckte sich der Länge nach auf der Wiese, die ans Ufer grenzte, aus und schickte einen prüfenden Blick über die Bucht. Nichts zu sehen. Die Sonne stand tief am wolkenlosen Julihimmel und ließ die feinen Wellen auf dem Ijsselmeer glitzern wie Discokugeln.
Auch der Wind war schon beinahe eingeschlafen. So wie er, wenn nicht bald etwas passieren würde. Ein total langweiliger Job, den ihm sein Onkel Henk aufgetragen hatte. Jans Blick fiel auf das Schild, das am Fenster des Vermietungsbüros angebracht war. Henk van Dijk – Booten Te Huur. Hier sollte er also ausharren, bis die zwei Jungs, die vor ein paar Stunden eine Jolle gemietet hatten, wieder zurück waren. Auch für das ordentliche Festmachen am Steg und für die Rückzahlung der Kaution war er verantwortlich. Allerdings hätte ihm ein wenig Action besser gefallen: Vielleicht verpatzten die Jungs das Anlegemanöver und er würde die Kaboutertje ganz souverän allein an den Steg legen. Oder sie kenterte kurz vor der Hafeneinfahrt und er könnte die Besatzung retten. Das wäre endlich eine Möglichkeit, sich als Held zu beweisen.
Er schob sein Käppi übers Gesicht und schloss die Augen. Erst in einer Stunde war die vereinbarte Mietzeit abgelaufen, und bis dahin würde er ein wenig Musik hören und von weiteren Heldentaten träumen.
Die letzten Akkorde von Friday I’m in love verklangen.
„Hey, du!“, platzte eine Stimme in die plötzlich entstandene Stille.
Waren die Jungs doch schon zurück? Jan lugte unter der Kappe hervor. Rosa lackierte Fußnägel in Flipflops. Sein Blick wanderte weiter nach oben, erfasste die dazugehörigen Beine, die in einer atemberaubend kurzen Hose endeten. Und über einem rosa T-Shirt befand sich das schönste Gesicht, das er je gesehen hatte.
Sein Herzschlag beschleunigte sich, und er setzte sich auf. Sicher kam das Mädchen vom Campingplatz, jedenfalls hatte er es nie zuvor gesehen. Während er sie weiter anstarrte, ließ sie sich auf die Knie fallen. Das schöne Gesicht war dem seinen jetzt ganz nahe. Ihr Atem roch nach Pfefferminzkaugummi, und die leicht mandelförmigen Augen glänzten in der Farbe geschmolzener Schokolade. Lackschwarze Haare, schnurgerade über den Augenbrauen abgeschnitten und auf dem Rücken zu einem langen Zopf geflochten. Genau wie das Indianermädchen auf dem Foto seines Lieblingsbuchs.
„Kannst du deutsch?“, fragte sie und legte den Kopf schief.
„Ik … eh …“ Verdammt, wieso brachte er kein vernünftiges Wort heraus?
„Do you speak English?“ Sie schien nicht aufgeben zu wollen.
„Ich … ich kann deutsch“, antwortete er. War froh, dass seine Stimme ihm wieder einigermaßen gehorchte.
„Na endlich, ich dachte schon, du bist taub.“ Sie lächelte ihn an, und das raubte ihm den letzten Rest seiner Fassung. Was für ein Mädchen. Sicher war sie schon siebzehn oder sogar noch älter, denn unter dem engen T–Shirt zeichneten sich deutlich ihre Brüste ab und zogen seinen Blick magnetisch an.
„Weißt du, wer die Boote hier vermietet?“
„Mein Onkel, aber heute ist es zu spät, morgen kannst du eins haben.“
„Schade. Das geht leider nicht.“ Sie ließ sich neben Jan auf der Wiese nieder. „Morgen ist Samstag, da fahren wir ganz früh nach Hause.“
„Wohnst du auf dem Campingplatz?“
„Seit einer Woche, mehr Urlaub hatten wir diesmal nicht. Schade, dass ich die Boote nicht früher entdeckt habe, ich bin noch nie gesegelt.“
Er schob den Schirm seiner Kappe nach oben und warf einen verstohlenen Blick auf ihr T-Shirt. Wie aufregend wäre es, wenn er sie ein wenig zum Bleiben überreden könnte.
„Ich habe auch eine Jolle. Möchtest du dich mal hineinsetzen? Wir können zwar nicht rausfahren, aber du kannst dann später wenigstens sagen, dass du schon einmal auf einem Boot gewesen bist.“
„Gute Idee, komm.“
Ehe er wusste, wie ihm geschah, war sie aufgestanden und hatte ihn an der Hand mit hochgezogen. Sie waren in etwa gleich groß.
Bis zum Ende des letzten Stegs liefen sie im Slalom um den Möwendreck herum und blieben dann vor der Stormvogel stehen, einer kleinen Holzjolle, die er sich mit seinen Schwestern teilen musste. Galant half er seiner Begleiterin beim Übersteigen und folgte ihr auf das schwankende Deck. Sie setzten sich einander gegenüber, und er konnte nicht verhindern, dass sein Blick immer wieder an den Wölbungen ihres T-Shirts haften blieb. Schnell löste er die Befestigung der Ruderpinne und erklärte ihr ausführlich, wie sie funktionierte, wie man die Segel am Mast hochzog und was man auf dem Ijsselmeer alles beachten musste.
„Vor sechs Wochen war hier ein richtiger Sturm. Mit meinem Onkel zusammen habe ich drei Boote zurück in den Hafen geholt, die sich dabei losgerissen hatten. Bei den hohen Wellen wären die sonst gesunken.“ Er rückte seine Kappe gerade. „Windstärke sieben oder acht“, erwähnte er beiläufig.
Ihre Schokoladenaugen sahen ihn unter den hochgezogenen Augenbrauen respektvoll an. „Wie alt bist du denn?“
Jan straffte die Schultern. „Fünfzehn“, sagte eine Stimme, die er als seine eigene erkannte. „Ich werde fünfzehn.“
Was nicht gelogen war, auch wenn dieses Ereignis erst in zwei Jahren stattfand. In ihrer Gegenwart fühlte er sich sowieso viel älter, beinahe erwachsen.
„Ich bin schon sechzehn“, trumpfte sie auf, „im nächsten Jahr bin ich mit der Schule fertig. Bist du schon in der Lehre?“
„Noch nicht, aber später einmal will ich ein berühmter Rockstar werden.“
Ihr helles Lachen erschien ihm wie Musik.
„Spielst du denn ein Instrument?“, fragte sie. „Gitarre vielleicht?“
„Klar. Außerdem spiele ich Klavier und von meinem ersten selbst verdienten Geld werde ich mir ein Keyboard kaufen.“
„Keyboard, finde ich cool.“
Täuschte er sich oder schwang in ihrer Stimme Bewunderung mit? Er atmete tief ein, um den seiner Meinung nach nächsten wichtigen Schritt einzuleiten.
„Wie heißt du?“
Sie streckte die leicht gebräunten Beine von sich. „Mona, und du?“
Er wollte gerade antworten, da schallte eine Stimme lautstark durch den kleinen Hafen. „Jantje!“
Jan zuckte zusammen. Oh Gott, bloß nicht rot werden. Es war schon schlimm genug, dass seine Mutter ihn mit diesem absolut unmöglichen Namen rief. Das klang nach Baby, nicht nach einem jungen Mann, der sich bald rasieren würde.
Bevor er reagieren konnte, ließ Mona ein helles Lachen hören. „Bist du das? Jantje?“
Er nickte. Jetzt glaubte sie ihm sein erschwindeltes Alter sicher nicht mehr.
„Jantje!“
Er zog an der Leine, mit der die Jolle am Steg festgemacht war, und wickelte das Ende um seine Hand.
„Du musst weg?“
Jan nickte. Wenn seine Mutter diese Tonlage anschlug, hatte es meist nichts Gutes zu bedeuten. Er sah auf die Uhr und erschrak. Verdammt! Er hatte die Zeit vergessen und nicht darauf geachtet, ob die beiden Typen mit dem geliehenen Boot inzwischen wieder da waren.
„Kommst du heute Abend zur Disco auf dem Campingplatz?“, fragte sie.
„Äh, klar.“ Vielleicht konnte er sich irgendeine Ausrede für seine Eltern einfallen lassen.
Jan erhob sich und kletterte zurück. Diesmal nahm Mona seine Hilfe nicht an.
„Das schaffe ich schon allein. Danke.“ Mit einem kühnen Sprung landete sie sicher auf dem Steg.
Gar nicht schlecht für ein Mädchen, noch dazu beim ersten Mal.
„Du kommst ganz bestimmt?“ Ihr Lächeln ließ ein warmes Gefühl in seiner Brust keimen.
„Na klar, um neun Uhr bin ich da.“
“Ich nehme dich beim Wort.“ Mona stand vor ihm. Nur einen Atemhauch entfernt. Ihre Schokoladenaugen, ihr Mund, ihr Duft. Jan hatte plötzlich Schwierigkeiten beim Atmen, seine Kehle war so trocken, als hätte er den ganzen Tag nichts getrunken. Plötzlich berührten ihre Lippen seinen Mund. Ganz zart, wie ein Lufthauch. Ganz kurz, wie ein Blitzschlag. Und mit einem „Tschüs, bis heute Abend“ war sie verschwunden.
Zurück blieben Verwirrung und Herzklopfen. Mit den Fingern berührte er seine Lippen, um zu fühlen, ob etwas anders war als sonst. Ihr Kuss war noch zu spüren, leicht wie ein Flaum schwebte er gemeinsam mit dem Kaugummiaroma auf seinem Mund. Das Gefühl, das sich in ihm ausbreitete und für das er keinen Namen kannte, wollte er für immer behalten, bis ans Ende seines Lebens. Drei Stunden noch. Er konnte es kaum erwarten. Würde sie ihn heute Abend ein zweites Mal küssen?
Er flitzte zum anderen Ende des Hafens, wo die zurückgebrachte Kaboutertje lag, und stellte zu seiner Beruhigung fest, dass sie ordentlich angebunden war. Jetzt nichts wie nach Hause, den größten Ärger konnte er vielleicht abwenden.
Als er die heimische Küche betrat, war die Spannung beinahe körperlich zu spüren. Anneke und Mareike saßen auf der Eckbank und kicherten, während Grietje, die älteste seiner drei Schwestern, die Augen verdrehte. Wortlos stellte die Mutter Salat und Brot auf den Tisch. Plötzlich spürte Jan einen dicken Kloß im Hals.
„Wo bist du gewesen?“, fragte Papa scharf.
„Tut mir leid. Ich … ich hab nicht auf die Uhr gesehen“, antwortete Jan leise.
„Wenn du am Hafen gewesen wärst, hättest du die Kaboutertje in Empfang nehmen können. Du hättest die Kaution zurückzahlen müssen.“ Die Stimme seines Vaters wurde immer lauter, und Jan zog unwillkürlich die Schultern hoch.
„Die beiden jungen Leute sind hergekommen, weil sie dich nicht angetroffen haben. Wenn das deine Auffassung von Verantwortung ist, kann ich dir zukünftig eine solche Aufgabe leider nicht anvertrauen.“
„Wenn du aufgegessen hast, gehst du in dein Zimmer“, sagte seine Mutter. „Du hast heute Abend Hausarrest.“
Jan biss sich auf die Unterlippe und versuchte, die aufsteigenden Tränen zurückzuhalten.
„Oder gab es einen triftigen Grund, warum du nicht zur Stelle warst?“
Er starrte seinen Vater an. Was sollte er ihm bloß sagen? Entschuldige, Papa, ich bin zwar erst dreizehn, aber ich habe mich vorhin verliebt und wenn ich gleich nicht pünktlich auf dem Campingplatz bin, werde ich sie nie wiedersehen. Und ich werde sterben, wenn ich sie nicht wenigstens einmal küssen kann.
„Also gut, wenn du nichts zu sagen hast … Zur Strafe für deine Unzuverlässigkeit wirst du dich morgen früh um acht Uhr bei Henk melden. Ich habe schon mit ihm gesprochen. Er braucht jemanden, der seine Boote gründlich putzt.“
Nach dem Abendessen schlich Jan die Treppe zu seinem Zimmer hinauf. Seine Augen brannten. Ob er einfach abhauen sollte? Prüfend betrachtete er das Fenster und warf einen Blick nach unten. Dort saß Grietje in der Hollywoodschaukel. Sie blätterte in einer Zeitschrift, während sie auf ihren Freund Jos wartete. Der Fluchtweg durch die Tür war ihm ebenfalls versperrt, da der Weg durchs Wohnzimmer führte, in dem seine Eltern vor dem Fernseher saßen.
Er warf sich aufs Bett und drückte sein Gesicht ins Kopfkissen. Jetzt konnte und wollte er die Tränen nicht mehr zurückhalten. Scheiß drauf, dass Männer nicht heulten. Lange wälzte er sich hin und her. Er konnte nicht aufhören, an Mona zu denken, an den Anblick ihrer Brüste unter dem engen T-Shirt und an den Kuss, der immer noch auf seinen Lippen prickelte. Und ihre Schokoladenaugen begleiteten ihn auf dem Weg in seine Träume.
Am nächsten Morgen wachte Jan früher auf als sonst. Beinahe hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er tief und fest geschlafen hatte. Beim Anziehen, Zähneputzen und Frühstücken drehten sich seine Gedanken die ganze Zeit über nur um Mona. Ihren unvergleichlichen Duft, ihren Kuss. Ob sie ihn vermisst hatte, wenigstens wehmütig an ihn gedacht? Vielleicht war sie ihm aber auch böse, weil er ihre Verabredung nicht eingehalten hatte. Wenn er sie wenigstens noch einmal sehen könnte. Er wusste nicht einmal, ob ihre Familie einen Wohnwagen oder ein Zelt besaß. Der Campingplatz war riesig, er konnte schlecht morgens um sieben alle Stellplätze aufsuchen und nach Mona fragen. Und Kinder wurden an der Rezeption nicht namentlich erfasst.
Vielleicht konnte er gleich mit seinem Onkel reden. Er war viel jünger als Papa und hatte ihm schon einmal aus der Patsche geholfen, als sein Vater ihn mit einer Zigarette hinter dem Bootsschuppen erwischt hatte. Jan beschloss, es auf einen Versuch ankommen zu lassen.
Nachdem er von Henk mit den notwendigen Utensilien ausgestattet worden war, begab er sich mit dem Putzzeug zu den Booten. Sein Onkel begleitete ihn mit einem riesigen Sack über der Schulter, da an einem Boot das Großsegel ausgetauscht werden musste.
Sie waren inzwischen im Vermietungsbüro angekommen und Henk ließ den Segelsack auf den Boden plumpsen.
Jan atmete tief durch. „Henk, ich muss dir etwas Wichtiges sagen.“
Sein Onkel sah ihm prüfend ins Gesicht. „Wichtig oder lebenswichtig?“
Jan zögerte nicht lange. „Lebenswichtig. Ich muss … ich habe … also wegen gestern Abend, ich will mich entschuldigen. Aber es gab einen Grund. Den kann ich nur Papa und Mama nicht sagen … sie würden es nicht verstehen.“
„Entschuldigung angenommen. Aber wieso würden sie was nicht verstehen?“ Henk lächelte ihn freundlich an.
Jan schluckte. „Ich glaube, dafür sind sie schon zu alt.“
„Raus mit der Sprache, es bleibt unter uns.“ Sein Onkel lehnte sich an die Fensterbank und zündete sich eine Zigarette an.
„Henk, ich habe gestern ein Mädchen getroffen.“ In einer kurzen Version schilderte Jan die Ereignisse des Vortages, nur den Kuss behielt er für sich. Das war sein Geheimnis. Es wäre ihm wie Verrat an Mona vorgekommen, dieses Erlebnis mit seinem Onkel zu teilen. Als Jan geendet hatte, schmunzelte Henk und blies den Rauch aus; ein Kringel stieg durch die Luft bis fast an die Decke.
„Wenn das so ist: Lauf und schau, ob du dieses tolle Mädchen erwischst. Aber wenn du wiederkommst, werden alle Boote geputzt, hast du mich verstanden?“
Jan lachte befreit auf. „Du kannst dich auf mich verlassen. Bis gleich!“
Im Dauerlauf sprintete Jan zum Camping De Moelenhoek, wo Kees, der Platzwart, an der rot-weiß gestreiften Schranke lehnte.
„Hallo, Jantje!“ Kees nickte ihm freundlich zu. „Du bist aber früh unterwegs.“
„Ich warte nur auf einen Freund, der kommt gleich hier vorbei“, meinte er möglichst lässig und hoffte, dass Kees seinem Vater nichts verriet. Seine Atmung hatte noch nicht die Zeit gehabt sich zu normalisieren, da fuhr ein silberner Audi mit Wohnanhänger an die Absperrung. Jan hielt unwillkürlich die Luft an. Ob sie das wohl waren –Mona und ihre Eltern? Das Nummernschild war weiß mit den schwarzen Anfangsbuchstaben NE, also war es ein deutsches Kennzeichen. Kees hob grüßend die Hand und ließ den Schlagbaum in die Höhe schnellen. Wie in Zeitlupe sah Jan den Wagen vorbeifahren, durch das Fenster im Fond erkannte er Mona. Sie drehte den Kopf in seine Richtung, ihre Hand hob sich zu einem zaghaften Winken. Sekunden später war sie aus seinem Blickfeld verschwunden.
Fassungslos starrte Jan dem Gespann hinterher. Das war es also gewesen.

1.

„Zugabe! Zugabe!“ Begeisterte Rufe und nicht enden wollender Applaus drangen bis in den Backstagebereich.
Jan fuhr sich mit dem Handtuch über Stirn und Nacken. Sein Körper vibrierte, beinahe fühlbar schoss das Adrenalin durch seinen Körper. Ein guter Trip war nichts dagegen. Sandra, ihr unentbehrliches Mädchen für alles, reichte ihm die Wasserflasche und tippte auf ihre Uhr. Noch zwei Minuten. Dann sollten sie zurück auf die Bühne stürmen. Mit zusätzlichen Songs im Gepäck, die die Fans von Four Lives sehnsüchtig erwarteten.
Wohltuend kühl rann das Wasser durch seine Kehle. Er blickte zu Ben, dem Frontmann der Band.
„Jetzt?“
Ben nickte, warf Sandra sein Handtuch zu und nahm bei den Stufen immer zwei auf einmal. Richie, der Bassgitarrist und Tom, der die Drums spielte, folgten ihm einige Sekunden später. Er selbst bildete das Schlusslicht, als er die abgedunkelte Bühne betrat. Kaum hatte er seinen Platz hinter den Tasten seines Keyboards eingenommen, flammten die Spots auf und richteten ihr gleißendes Licht auf jedes einzelne Mitglied der Band. Jubelnder Beifall, Pfiffe und Kreischen begrüßten sie, und die Lautstärke in der Halle steigerte sich ins Unermessliche.
Jan legte die Finger auf die Tasten und wartete konzentriert auf seinen Einsatz. High and Low war der nächste Song auf der Setlist – die erste Strophe a cappella, dann erst setzte Richies Gitarre ein. Verhaltene, sanfte Klänge, anschließend die Drums.
One – two – three-four. Jan holte tief Luft und griff die ersten Akkorde.
Wie automatisch bewegten sich seine Finger über die schwarz-weißen Tasten, wie eingebrannt waren Melodie und Text des Songs. Sein Herz raste, Schweißtropfen rannen ihm über die Stirn. Als tausende Fans in den Refrain einfielen, stellten sich die Härchen auf seinen Unterarmen auf, ein Schauer überlief ihn.
Plötzlich flog ein knallroter BH torkelnd wie ein Schmetterling durch die Luft und blieb vor Richie liegen, der sich danach bückte und das edle Teil unter Pfeifen und Johlen der Zuschauer wie ein Lasso über dem Kopf wirbelte, um es danach grinsend am Mikroständer aufzuhängen. Wahrscheinlich nahm er ihn mit in seine Garderobe; seit einiger Zeit sammelte er all die Liebesbeweise, die ihnen die Fans in Form von Teddybären oder BHs zu Füßen warfen.
High and Low war zu Ende. Verstohlen wischte sich Jan die verschwitzten Hände an einem kleinen Handtuch ab, das er an seinem Platz versteckt hatte. Jetzt würden sie den brandneuen Song vorstellen, den er selbst komponiert hatte. Sein Herzschlag beschleunigte sich um einige weitere Takte. Ob die Fans den Song mochten? Seine Art zu schreiben, die etwas leiseren Töne, die sich von den gewohnt rockigen Klängen von Four Lives unterschieden?
Er schloss die Augen. My First Love. Seine erste Liebe. Er gab sich ganz der Musik und seinen Gedanken hin, blendete die Anwesenheit der vielen Menschen aus. Sein Herz war so voll, drohte beinahe zu bersten ob der Gefühle, die ihn überschwemmten.
Als er die Augen öffnete, hätte er vor Freude heulen können. Tausende kleiner Lichter tanzten über den Köpfen des Publikums wie Glühwürmchen in einer dunklen Sommernacht.
Verschwitzt und glücklich verließen sie alle vier nach dem letzten Stück die Bühne.
My First Love klebte wie ein Ohrwurm in ihm, leise summte er den Refrain vor sich hin. Sandra warf ihm ein frisches Handtuch zu. „Besuch für dich, Jan. Sie wartet in der Garderobe.“

Das Glockenläuten der nahen Kirchturmuhr drängte sich in Jans Träume und vermischte sich mit der schnell verblassenden Erinnerung an Wasser, Strand und endlos lange Beine.
Er blinzelte auf das unberührte Kissen neben ihm. Da er seine Freundin Vivian gestern Abend auf der Party einfach stehen gelassen hatte, lag er allein in seinem Bett.
Er zog die Decke an sich und drehte sich zur Seite. Die ersten zaghaften Strahlen der Sonne bahnten sich einen Weg durch die Lamellen der halb geschlossenen Jalousie. Er könnte den Vormittag vertrödeln, ein bisschen lesen oder versuchen, wieder einzuschlafen.
Aber die Erinnerung an den gestrigen Abend ließ ihn nicht los. Nach dem Konzert hatte Vivian ihn in einen Club geschleppt, wo etwas gefeiert wurde. Was, das hatte er nicht herausfinden können. In erster Linie war sie scharf darauf gewesen, ihn dem Produzenten der Vorabendserie vorzustellen, in der sie eine der Hauptrollen spielte. Doch warum wollte sie ihn unbedingt zu einer Gastrolle in dieser Seifenoper überreden? Sie wusste doch, dass er nicht gerne vor der Kamera posierte. Er hatte kategorisch abgelehnt, woraufhin sie in Tränen ausgebrochen war. Als das nicht den gewünschten Erfolg zeigte, hatte sie mit dem Fuß aufgestampft wie ein trotziges Kleinkind. Dieses Affentheater, wie er es nannte, hätte beinahe den ersten Streit in ihrer Beziehung ausgelöst. Ganze drei Monate waren sie zusammen, und vom ersten Tag an hatte er die Starallüren, die sie so gerne zur Schau stellte, klaglos ertragen. Gestern Abend jedoch war ihm der Kragen geplatzt, und bevor es einen handfesten Streit gegeben hätte, war er hastig aus dem Club geflüchtet. Selbst die Paparazzi waren nicht schnell genug gewesen, ihre Kameras erwischten nur seinen Blick aus dem Fenster des Taxis, in das er geflüchtet war.
Jetzt lag sein Handy ausgeschaltet neben ihm auf dem Nachtschrank, auf eine Auseinandersetzung mit ihr war er wirklich nicht scharf. Er beschloss, den Tag mit einem Gang zu seinem Lieblingsbäcker zu beginnen. Mit frischen Brötchen, einer Zeitung und einem kleinen Schwatz mit der neuen Auszubildenden, die immer so süß errötete, wenn er dort einkaufte. Allein der Gedanke an sie ließ seinen Gute-Laune-Pegel deutlich ansteigen.
Auf dem Weg ins Bad kam er an Bens Schlafzimmertür vorbei. Da sie nur angelehnt war, riskierte er einen vorsichtigen Blick. Sein Freund lag allein im Bett, wie so oft auf dem Bauch und nicht unter, sondern neben seiner Decke.
Jan grinste und holte tief Luft. „Hoi!“ Wie eine Klinge zerschnitt sein Ruf die Stille des frühen Morgens.
Schlaftrunken drehte Ben seinen Kopf zur Seite, seine Augen blinzelten kurzsichtig unter den zerzausten Haaren hervor.
„Hau ab“, knurrte er, angelte nach seiner Bettdecke und wickelte sich wie eine Mumie darin ein.
Der hatte gestern wohl ein Bier zu viel, dachte Jan.
„Gibt gleich Brötchen und Kaffee“, rief er, ehe er die Badezimmertür hinter sich schloss. Trotz ihrer unterschiedlichen Charaktere war das Zusammenleben mit dem Frontmann und Sänger von Four Lives eine perfekte Symbiose. Ben hatte das Penthouse nach den ersten großen Erfolgen der Band gekauft, und da sie beide nicht gern allein lebten, wohnte Jan bei ihm in Köln, wenn er nicht in seinem eigenen Haus in Holland war. Die Wohnung war groß genug für zwei Männer, sogar ein Fitnessraum und ein kleines Studio hatten darin Platz. So konnten sie jederzeit proben und waren unabhängig von den Aufnahmestudios in der Stadt. Jeder hatte sein eigenes großes Zimmer, und alle anderen Räumlichkeiten wurden freundschaftlich geteilt.
Dass in dem abgelegenen Wohnhaus in einem Kölner Randbezirk zwei berühmte Rockstars wohnten, wusste bis auf wenige Ausnahmen kaum jemand. Frau Eckers, eine Witwe aus der zweiten Etage, die ihre Rente aufbesserte, indem sie bei ihnen die Wohnung in Ordnung hielt, war verschwiegen und zuverlässig, so dass nichts Privates an die Öffentlichkeit gelangen konnte.
Nach einer ausgiebigen Dusche machte sich Jan auf den Weg zum Bäcker um die Ecke. Tatsächlich stand die Auszubildende hinter der Theke. Sie hieß Saskia, wie er inzwischen erfahren hatte. Wie immer, wenn sie ihn sah, überflutete ein verlegenes Rot ihr Gesicht. Jan schenkte ihr ein Lächeln und wünschte einen guten Morgen.
„Ich habe dich vorgestern im Fernsehen gesehen“, hauchte sie, „war echt klasse.“
Schade, dass Saskia nicht ein wenig älter war. Mit den dunklen Haaren und den braunen Augen, die immer mitlächelten, wenn sie ihn ansah, war sie genau sein Typ. Aber noch war er mit Vivian zusammen. Er dachte daran, wie verknallt er gerade in der ersten Zeit in sie gewesen war. Doch inzwischen hatte er ihre Beziehung immer häufiger in Frage gestellt, und das nicht nur nach dem Eklat von gestern Abend. Ihre permanente Sucht nach Aufmerksamkeit ging ihm zunehmend auf die Nerven. Unbefangen gab sie Intimes preis, als existierte das Wort Privatsphäre für sie nicht. Außerdem kreiste ihr ganzes Denken nur um die eigene Person. Brauchte sie ihn nur zur Bestätigung ihres Egos? Wie oft hatte sie ihn nach ihren Vorgängerinnen gefragt, wie diese ausgesehen hatten, ob sie attraktiver, klüger oder besser im Bett gewesen wären. Vor ein paar Tagen hatte er sie sogar mit seinem Tagebuch erwischt! Vielleicht tat er ihr unrecht, aber die Erinnerung daran lag ihm schwer im Magen. Er sah genau vor sich, wie sie in dem kleinen ledergebundenen Heft geblättert hatte, als er aus dem Bad kam. Nur ein Taschentuch hatte sie aus der Nachttischschublade nehmen wollen, wie sie ihm hektisch versicherte, und dabei das Buch rein zufällig entdeckt. Fassungslos hatte er es ihr abgenommen und dann einen eiligen Termin vorgeschützt, damit er allein sein konnte. In diesem Moment hätte er Vivian nicht länger ertragen.
Er zwinkerte Saskia zu, als er seine Brötchen bezahlte und sie ihm mit leicht zittrigen Fingern das Wechselgeld herausgab. Nachdem er sich von ihr verabschiedet hatte und den Gehsteig entlangschlenderte, verwob sich ihr Antlitz mit Vivian und ihren Vorgängerinnen, verschwand im gedanklichen Nebel, bis ein Bild aus seiner Kindheit auftauchte und ihn bis nach Hause begleitete.
Er schloss die Wohnungstür auf. Entgegen seinen Erwartungen lag Ben nicht mehr im Bett, sondern saß an der Küchenbar, wenn man seine Haltung denn als sitzen bezeichnen konnte. Nur mit einer Boxershorts bekleidet, der Kopf auf der Tischplatte liegend, leicht rote Augen und total zerzaustes Haar.
„Kaffee“, röchelte er.
„Aus dem Bett gefallen?“
„Kopfschmerzen“, stöhnte Ben. „Ich werde alt.“
Jan sagte gar nichts dazu, sondern schaltete die Espressomaschine ein. In der Regel dauerte es danach nicht allzu lange, bis sein Freund wieder einigermaßen von den Halbtoten auferstanden war. Starker Kaffee zu allen Tages- und Nachtzeiten war für Ben unverzichtbar. So schob ihm Jan die erste Tasse mit dem duftenden Gebräu direkt vor die Nase.
Sein Freund rieb sich die Augen und hob den Kopf. „War echt geil, gestern Abend. Ging bis drei Uhr.“
„Meinst du, ich habe was verpasst?“
„Hmm. Weiß nicht. Sabrina hat sich nach dir erkundigt. Sabrina Beck.“
„Sag bloß, die von der Promi-Welt?“ Jan stöhnte innerlich auf. „Was hatte die auf der Party zu suchen?“
Ben zuckte mit den Schultern, um gleich darauf zusammenzuzucken. „Vielleicht ein Privatinterview mit einem von uns? Das letzte ist ja wohl in die Hose gegangen.“
„In die Hose trifft es genau.“ Jan lachte kurz auf. „Lass mich bloß mit der in Ruhe.“
Er nahm einen großen Schluck Kaffee, während er daran dachte, wie Sabrina vor ein paar Jahren auf ihn zugekommen war, als Four Lives noch eine relativ unbekannte Band gewesen war. Die Werbung, die sie ihm versprach, hätten sie ganz gut gebrauchen können. Schon als sie das Interview ausschließlich mit ihm führen wollte, ohne dass die anderen Bandmitglieder dabei waren, hätte er stutzig werden sollen. Bei ihrem Treffen in einer schummrigen Bar machte sie ihm unmissverständliche Angebote, die so weit gingen, dass sie sich ganz ungeniert am Reißverschluss seiner Hose zu schaffen machte.
Unwillkürlich schüttelte er den Kopf. Auch wenn er die Aufdringlichkeit der Paparazzi hasste, war ihm so eine Anmache von Seiten einer Pressevertreterin nie wieder untergekommen. Er hatte sie damals eiskalt abblitzen lassen, was sie ihm mit einer nicht sehr schmeichelhaften Reportage in der nächsten Ausgabe der Promi-Weltgedankt hatte.
„Gut, dass ich nicht mitgekommen bin. Aber wesentlich besser hat es mich auch nicht getroffen. Ich musste zu dieser unsäglich langweiligen Party vom Bönninghaus, diesem arroganten Aufnahmeleiter von Verbotene Träume.“ Jan seufzte und zuckte die Achseln. „Ich glaube, Vivian kommt zu den anderen ins Archiv.“
Er lehnte sich zurück und beobachtete Ben, der gerade eine Unmenge Zucker in die winzige Tasse schüttete. Der Frontmann von Four Lives war einer der wenigen Menschen, denen er seine Gedanken mitteilen konnte, ohne Angst haben zu müssen, sie am nächsten Tag in der Zeitung zu lesen.
Ben hörte abrupt auf zu rühren. „Echt jetzt? Warum?“
„Sie nervt. Gestern Abend hatte ich die Schnauze gestrichen voll. Da schleppt sie mich doch glatt zu einem der Produzenten der Serie und behauptet, ich wäre an einem Gastauftritt interessiert.“
Bens Mundwinkel verzogen sich zu einem breiten Grinsen. „Und? Kein Bock auf die Schauspielerei? Ein bisschen Hang zum Exhibitionismus gehört aber schon dazu.“
„Genau, und deshalb bin ich mit Sicherheit nicht der Richtige dafür.“ Vehement drückte Jan auf die Tube mit dem flüssigen Honig, bis sein Brötchen beinahe überquoll. „Jetzt muss ich ihr nur schonend beibringen, dass es aus ist.“
„Mein Beileid.“ Ben hob seine Tasse und prostete Jan zu. „Versuche es mal mit blond. Oder rothaarig, Hauptsache Abwechslung.“
„Ich steh halt auf dunkle Haare“, lachte Jan und griff nach dem Brötchen. „Blond bin ich selber.“

2.

„Vivian, du brauchst unbedingt ein paar heiße Skandale, deinem Leben fehlt der Buzz“, maulte Jochen Marquard. „Heutzutage reicht es nicht aus, einfach nur eine gute Schauspielerin zu sein. Die Publicity muss stimmen.“
„Wie meinst du das? Mehr Party geht kaum noch. Und denk an den Goldenen Willi für die beste Nachwuchsschauspielerin im letzten Jahr. Ist das etwa nichts?“ Vivian ließ den Unmut über die Bemerkung ihres Managers an einem Bierdeckel aus, dessen Fetzen immer kleiner wurden, bis die Schnipsel über den ganzen Tisch verteilt lagen.
„Was ist mit Jan?“, fragte er. „Der ist gestern Abend aber sehr schnell verschwunden.“
„Was soll mit ihm sein, was hat er damit zu tun?“ Frustriert starrte sie auf das panierte Schnitzel, das sie von Jochens Teller aus anlachte. Ihr Magen knurrte leise.
„Du zeigst dich mit ihm viel zu selten in der Öffentlichkeit. Geht raus, geht gemeinsam einkaufen oder egal, irgendwohin, wo Fotografen sind. Kann doch nicht so schwer sein.“
„Leider schon. Wenn Jan eine Kamera sieht, macht er dicht.“ Vivian nippte an ihrem Mineralwasser.
„Du weißt, dass Promibeziehungen Gold wert sind fürs Geschäft.“ Jochen spülte die letzten Pommes mit einem alkoholfreien Bier hinunter und legte Messer und Gabel auf den Tellerrand. Hatte die halbe Tomate, die er übrig gelassen hatte, ihr nicht gerade zugeblinzelt? Vivian schluckte. Jetzt hatte sie schon Halluzinationen, nur wegen der dummen drei Kilo Übergewicht, die sie sich in den letzten Wochen angefuttert hatte und die sie unbedingt loswerden musste, bevor die Bikinisaison startete.
„Also, was ist jetzt?“ Jochen stupste mit dem Finger gegen ihren Unterarm. „Träumst du?“
„Ja“, seufzte sie, „von einer Riesenportion Pommes Frites.“
„Träum weiter. Aber versprich mir, deinen blonden Rockstar zu einer kleinen Party zu überreden. Heute Abend feiert die Moderatorin Jule Rosenbaum in dem neuen Club am Rheinufer ihren Geburtstag. Da sind immer Fotografen. Oder wie wäre es mit dem neuen James Bond, der heute anläuft? Ich könnte den Presseleuten einen Tipp geben, dass ihr dort zu finden seid.“
„Kino finde ich nicht so prickelnd, aber der neue Club? Der soll spitze sein, habe ich gehört. Das Problem ist nur, dass Jan nicht auf Partys steht. Er will lieber reden“, sie verdrehte die Augen, „oder in einem kleinen Café sitzen, wo uns kein Schwein kennt.“
„Und sein Gastauftritt? Es dürfte für dich ein Leichtes sein, ihn zu überzeugen, bei uns mitzumachen. Mit einer so kleinen Rolle.“ Er blickte sie aufmunternd an. „Das wäre bestimmt ein enormer Schub für deine Karriere.“ Er schob den Teller zurück und betrachtete sie ernst. Unter seinem Blick wurde ihr unbehaglich zumute, er sah aus, als wäre ihm das Schnitzel nicht bekommen.
„Es gibt da etwas, was ich dir sagen muss. Aber bitte“, seine Hand legte sich beschwichtigend auf ihren Arm, „mach dir erst mal nicht zu viele Gedanken, du weißt, wie schnell die Gerüchteküche hier brodelt.“
Oh Gott! Vivian hielt die Luft an.
„Man munkelt, dass sie dich aus der Serie schreiben wollen. Unfalltod oder so was.“
Sie schluckte. Ein dicker Kloß saß ihr im Hals. Vor diesem Albtraum, den Serientod zu sterben, hatte sie immer Angst gehabt.
„Jochen, das kannst du nicht zulassen. Bitte, ich kann nicht ohne …“ Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. „Du weißt, dass die Serie mein Leben ist. Ich habe so lange nichts anderes mehr gespielt.“
„Ich glaube es sowieso erst, wenn es offiziell ist. Vielleicht ist ja gar nichts dran an dem Gerücht.“ Er tätschelte ihr kurz die Hand, nahm seinen Teller und erhob sich. „Vivian, ich habe gleich einen Termin. Vergiss nicht, um zwei Uhr kommt der Fahrer, der dich zum Außendreh abholt.“
Und schon war er im Gewusel der Neuankömmlinge verschwunden, die sich um die Mittagszeit in der Kantine des Fernsehsenders zum Buffet drängten. Sie hatte Jochens Mitteilung noch nicht verdaut, als eine Kollegin einen Teller mit Lasagne auf den Tisch stellte und sich setzte.
„Ist doch frei, oder?“
Vivian nickte und starrte mit gerunzelten Brauen auf das Gericht, das nur eine Armlänge von ihr entfernt einen unwiderstehlichen Geruch verströmte. Nichts wie weg hier. Lieber wartete sie draußen auf den Fahrdienst, der sie zum Rhein bringen würde. Hoffentlich waren die Wohnwagen besser geheizt als vor zwei Wochen. Sie bekam jetzt noch eine Gänsehaut, wenn sie sich an die Dreharbeiten der Szene in einer zugigen Gasse erinnerte, die ihr außer einem dicken Schnupfen auch noch die dazugehörige rote Nase und tränende Augen eingebracht hatten.
Sie setzte sich auf eine Bank in der Eingangshalle, schnappte sich eine Zeitung und betrachtete die Titelseite, ohne zu lesen. Aus der Serie schreiben. Das würden die nicht wagen. Nach dem ersten Schock überwog die Zuversicht, dass man das Zugpferd der Serie, als das sie sich sah, nicht sterben ließe. Wichtig war, wie Jochen bereits angedeutet hatte, im Gespräch zu bleiben, immer die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu ziehen. Je beliebter sie war, je mehr Fans sie hatte, desto weniger Sorgen musste sie sich um ihre Karriere machen.
Ihre Gedanken wanderten zu Jan. Was würde er wohl zu der Überraschung sagen, die sie für ihn bereit hielt? Und heute Abend? Hoffentlich begleitete er sie. Immerhin hatte sie ihn auf einer Aftershowparty kennengelernt, also hatte er nicht grundsätzlich etwas gegen Partys. Fast drei Monate war das her –sie sah ihn vor sich, wie er mit einem Bier in der Hand an der Theke gestanden hatte, zusammen mit den anderen Jungs von Four Lives. Sorgsam hatte sie überlegt, wer von den vier Bandmitgliedern ihr den größten Nutzen bringen würde. Tom schied aus, der war seit Kurzem verheiratet und hatte nur Augen für seine Anne. Richie schaute immer ein bisschen düster aus in seinen schwarzen Lederklamotten und war nicht ihr Typ. Ursprünglich war ihre Entscheidung auf Ben gefallen, aber nachdem sie ihn mit einem lange einstudierten verführerischen Lächeln bedacht hatte, nickte er ihr nur kurz zu und wandte sich einer kurvenreichen Blondine zu, die mit zwei Gläsern in den Händen auf ihn zukam. So sollte es eben Jan werden. Sie war neben ihn an die Bar getreten, hatte sich einen Drink bestellt und diesen so nahe an den Rand des Tresens geschoben, dass er ihn unweigerlich herunterstoßen musste. Er entschuldigte sich natürlich, besorgte ihr ein neues Getränk, und so kam eines zum anderen. Und er war keine schlechte Wahl. Bis auf die Tatsache, dass er in seiner freien Zeit eher die Öffentlichkeit mied, statt sie zu suchen, verstanden sie sich prima. Der Sex mit ihm machte Spaß, und gestritten hatten sie sich noch nie.
Jetzt musste sie ihn nur von dieser seltsamen Männerwohngemeinschaft loseisen. Vielleicht sollte sie ihm vorschlagen, mit ihr zusammenzuziehen, denn ihre jetzige Wohnung genügte ihren gestiegenen Ansprüchen schon lange nicht mehr.
Sie seufzte. Jochen meinte, ein Skandal müsste her. Am besten dann, wenn Paparazzi anwesend waren. Ob sie Jan ein wenig eifersüchtig machen sollte? Sie grinste hinter ihrer Zeitung. Bei einer der nächsten Szenen gab es einen intensiven Kuss mit Sascha, dem neuen Kollegen, und so viel sie wusste, würden heute am Set einige Reporter erscheinen, um im Anschluss an die Dreharbeiten Interviews mit den Hauptdarstellern zu führen. Sie faltete die Zeitung zusammen, lächelte in sich hinein und freute sich auf den Spaß, der sie erwartete.

3.

„Bleibst du zum Essen?“ Mona wuchtete die prall gefüllte Einkaufstasche auf den Küchentisch, legte den Stapel ungeöffnete Post daneben und schaute Jenny an.
Die schüttelte den Kopf. „Ein anderes Mal. Ich muss Paul von der Kita abholen. Aber für einen Kaffee reicht es.“
Aus dem Kinderzimmer der Zwillinge dröhnte der Sound von Rockmusik durch die Wohnung, in die sich ab und zu spitze Schreie mischten. My First Love. Mona erkannte den neuesten Song von Four Lives, den Charlie seit drei Tagen rauf und runter hörte. Sie war gespannt, wie lange es wohl diesmal dauerte, bis die unter ihnen wohnende Nachbarin mit dem Besenstiel an die Decke klopfte.
Mona seufzte, und nachdem sie die Kaffeemaschine in Gang gesetzt hatte, griff sie nach dem obersten Brief und riss den Umschlag auf. Ihr Vermieter. Hoffentlich hatte sich Frau Petersen nicht bei ihm über die laute Musik beschwert. Nachdem sie die ersten Zeilen gelesen hatte, legte sie den Brief wortlos auf den Tisch.
„Was ist los?“ Jenny sah sie besorgt an. „Du bist ja ganz blass geworden.“
„Der ist vom Schroeren. Er will die Badezimmer renovieren und neue Fenster einbauen lassen. Damit rechtfertigt er eine Mieterhöhung um zwanzig Prozent.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich glaube das einfach nicht. Warum kommt bloß immer alles auf einmal?“
„Wieso, was ist denn sonst noch los?“
„Im Herbst fahren die Zwillinge in die Toskana. Klassenfahrt. Und Bernd hat mir vorgestern gesteckt, dass er so einen Unsinn nicht mitfinanzieren wird, weil er es zu teuer findet. Er meint, ich solle mich an den Fonds für Bedürftige wenden, den es in der Schule gibt. Als ob ich mir diese Blöße geben würde. Kommt gar nicht in Frage.“
„So ein Geizhals!“ Jenny verzog das Gesicht. „Es sind schließlich auch seine Töchter, auch wenn ihr nie zusammen gelebt habt.“
„Und mein Wagen gibt ganz komische Geräusche von sich. Hoffentlich kriege ich ihn wenigstens ein letztes Mal durch den TÜV.“ Bei der Aufzählung ihrer derzeitigen Probleme fragte Mona sich, wie sie das in den nächsten Monaten überhaupt alles schaffen sollte.
„Oh Mann, das ist echt hart. Kannst du gegen die Mieterhöhung keinen Einspruch einlegen?“
„Keine Ahnung, mit so etwas habe ich mich noch nie beschäftigt. Ich muss …“
Das Telefon schrillte.
„Kamphausen.“
„Guten Tag, Frau Kamphausen, hier Trotzdorf. Ich melde mich noch einmal aufgrund des Ladenlokals an der Friedrichstraße. Sind sie an dem Objekt weiterhin interessiert?“
Die Stimme des Maklers ließ Monas Herz schneller schlagen. Sollte der Interessent, der den Laden schon so gut wie gemietet hatte, etwa abgesprungen sein?
„Auf jeden Fall.“ Sie zwinkerte Jenny zu, die ihr mit Handzeichen zu verstehen gab, dass sie den Lautsprecher einschalten sollte.
„Sie müssten sich allerdings heute entscheiden“, hallte die Stimme kurz darauf ein wenig blechern durch den Raum, „denn den zweiten Interessenten, der dort eine Kinderboutique eröffnen will, kann ich nicht mehr länger hinhalten. Und ein perfekteres Ladenlokal für Ihr Fotostudio finden Sie zu dem Preis so schnell nicht wieder. Vor allem nicht in dieser Lage.“
„Und Sie sagten, es wäre frei ab August?“, fragte Mona.
„Wäre das in Ordnung für Sie?“
„Einen Moment, Herr Trotzdorf.
Ihr wurde beinahe schwindlig bei der Vorstellung, schon in wenigen Wochen ihr Ziel zu erreichen. Endlich ein eigenes Studio. Nie mehr die Anweisungen eines Chefs entgegennehmen, sondern eigenverantwortlich arbeiten. Nie mehr stupide Passbilder knipsen oder Filter und Speicherkarten über die Ladentheke reichen, sondern ihre eigenen Vorstellungen von künstlerischer Fotografie verwirklichen.
Mona deckte die Sprechmuschel ab. „Ich glaube, ich mache das. So eine Gelegenheit bekomme ich so schnell nicht wieder“, flüsterte sie.
„Aber hast du denn das Geld schon zusammen? Und muss da nicht eine Menge renoviert werden?“ Jenny sah sie mit zusammengezogenen Augenbrauen an.
Mona schüttelte den Kopf. „Kann ich alles selber machen“, flüsterte sie. „Nur ein bisschen Farbe, damit sieht der Laden schon ganz anders aus. Und da ich noch ein paar Urlaubstage habe, passt sogar der Termin.“
Ein ungeduldiges Räuspern am anderen Ende ließ sie die Hand von der Sprechmuschel nehmen.
Sie setzte sich aufrecht hin und straffte die Schultern. „Ich miete den Laden – morgen komme ich bei Ihnen vorbei, um alles Weitere zu besprechen.“
„Frau Kamphausen, Sie haben die richtige Entscheidung getroffen. Wäre Ihnen fünfzehn Uhr recht?“
Als Mona das Gespräch beendete, mischte sich ein mulmiges Gefühl in die erste Euphorie. Hoffentlich hatte sie alles bedacht. Vielleicht hätte sie sich die Räumlichkeiten noch einmal genauer anschauen sollen? Ihren Vater mitnehmen, der ihr die möglichen Schwachstellen mit Sicherheit genau aufgezeigt hätte? Sie hörte geradezu die besorgte Stimme ihrer Mutter: „Kind, warum tust du dir bloß diesen Stress an? Such dir lieber einen netten Mann, der für dich und die Kinder sorgt. Fotografieren kannst du als Hobby.“ Schnell schob sie diesen Einwand beiseite, im Verdrängen war sie schon immer perfekt gewesen.
„Herzlichen Glückwunsch, jetzt wird es wohl ernst.“ Die Stimme der Freundin riss sie aus ihren Gedanken. „Wenn du Hilfe brauchst – ich bin eine leidenschaftliche Anstreicherin.“ Jenny stand auf und drückte Mona fest an sich. „Tschüs, Mona, ich muss jetzt wirklich los, sonst bekomme ich Ärger mit den Erzieherinnen. Und du solltest mal einen Blick ins Kinderzimmer werfen, deine Mädchen scheinen gerade auszuflippen.“
Mona räumte schnell die Lebensmittel in den Vorratsschrank, bevor sie den Weg ins Kinderzimmer antrat. Durch die angelehnte Tür erblickte sie Freddies chaotischen Schreibtisch und daneben die Musikanlage, die die Zwillinge vor Kurzem zu ihrem vierzehnten Geburtstag bekommen hatten. Beide Mädchen tanzten zur immer noch laut aufgedrehten Musik – Freddie mit einem Kugelschreiber als imaginäres Mikrofon vor dem Mund und Charlie mit einem Zettel, den sie im Takt hin und her schwenkte. Unwillkürlich musste sie lächeln. Nicht nur, dass ihre Töchter mit ihren fast schwarzen Haaren und den langen Zöpfen aussahen wie sie selbst als Teenager, auch die kleinen Verrücktheiten schienen sich zu vererben. Es kam ihr vor, als wäre es noch gar nicht so lange her, dass sie unter Zuhilfenahme eines Kassettenrecorders mit Bon Jovi im Duett gesungen hatte.
Da auf ihr Klopfen niemand reagierte, trat sie ein und drehte die Anlage auf Zimmerlautstärke herunter.
„Charlotte! Friederike!“ Sie bemühte sich, wenigstens ein bisschen Strenge in ihre Stimme zu legen. „Gleich klopft die Petersen wieder an die Decke oder beschwert sich. Was ist denn mit euch los?“
„Mama, ich habe gewonnen! Wir gehen segeln! Mit Jan!“ Charlie, fünf Minuten älter als ihre Schwester Freddie, fuchtelte mit dem Zettel, der sich als Brief entpuppte, vor Monas Nase herum.
„Wie bitte? Was hast du gewonnen? Und wer ist Jan? Kenne ich den?“
„Natürlich, das ist der hier auf dem neuen Poster.“
Monas Blick wanderte zu dem jungen Mann, der seit einigen Tagen auf Charlies Bett herunterschaute. Ihr derzeitiger Schwarm, seit Teeniestar Kevin Jackson plötzlich mega-out war. Lässig in einer schwarzen Lederjacke an ein Motorrad gelehnt, sah dieser Jan gar nicht übel aus. Seine weizenblonden langen Haare waren nach hinten gekämmt und zum Zopf gebunden. Nachdenklich blickte er in die Kamera, nur die winzigen Fältchen um seine blauen Augen verrieten, dass er wohl doch öfter lächelte. Über Freddies Bett hing ein ähnliches Poster, nur dass dieses Exemplar der Rockmusik dunkelblonde Locken hatte und mit seiner Gitarre auf einer Bühne posierte.
„Der mit dem Motorrad hier, ist das nicht der Sänger von Four Lives?“
„Mama, du hast echt keine Ahnung. Das da ist der Sänger!“ Freddie deutete auf das Poster über ihrem eigenen Bett. „Ben heißt der. Jan spielt Keyboard, und er hat ein Segelboot, und Freddie und ich haben zusammen einen Tag mit ihm gewonnen, und wir fahren am dreiundzwanzigsten Juli nach Holland …“
„Moment. Erzähl mir alles der Reihe nach.“ Mona ließ sich auf den zerknautschten Sitzsack fallen und streifte aufatmend die Schuhe von den Füßen.
Charlie holte tief Luft. „Da wir in den Sommerferien nicht wegfahren, haben wir bei einem Preisausschreiben der Promi-Weltmitgemacht. Wir dachten, falls wir gewinnen, machen wir wenigstens so eine Art Kurztrip. Du kannst dich ja in der Zeit um deine eigenen Dinge kümmern.“ Sie warf einen Blick auf das Poster und grinste. „Ist er nicht süß?“
Mona sah ihre beiden Töchter an, die mit vor Aufregung glühenden Wangen vor ihr standen. Sie sollte froh sein, solche Prachtexemplare von Kindern zu haben. Anstatt darüber zu nörgeln, dass sie dauernd knapp bei Kasse waren, ergriffen sie die Initiative und sorgten dafür, dass ihre Sommerferien nicht ganz eintönig verliefen.
Natürlich freute sich Mona darüber, dass sie so viel Glück gehabt hatten. Doch der Gewinn war keine Jugendfreizeit, bei der sie unter Aufsicht standen. Und dieser Jan? Ihr Blick ging zurück an die Wand, von wo sein Konterfei auf sie herabsah. Das war kein Teeniestar wie Kevin, das war ein erwachsener Mann, mit Sicherheit fast doppelt so alt wie ihre Töchter. Auch wenn sie, was den Geschmack der beiden anging, vollstes Verständnis für ihre Schwärmerei hatte. Aber wer wusste schon, was bei so einem Segeltörn alles passieren konnte? Und mit diesem Mann sollten ihre beiden Kinder den ganzen Tag allein verbringen?
„Und? Mama, jetzt sag doch was!“
„Ihr werdet da nicht hinfahren. Eventuell kann man den Gewinn gegen etwas anderes tauschen, Konzertkarten vielleicht. Und in den Ferien unternehmen wir ab und zu etwas gemeinsam.“
„Aber Mama, das kannst du echt nicht machen.“ Charlies Augen füllten sich mit Tränen.
„Wir sind alt genug, um auf uns aufzupassen.“ Freddie funkelte sie wütend an. „Und es kostet wirklich nichts, alles ist umsonst.“
„Bitte, Mama.“ Schniefend putzte sich ihre Schwester die Nase am Ärmel ab. „Bitte!“
„Ihr seid vierzehn Jahre alt. Das ist kein Alter, in dem man mit einem fremden Mann den ganzen Tag auf einem Boot verbringt.“
„Du bist so was von gemein!“ Charlie stampfte mit dem Fuß auf und verschränkte die Arme vor der Brust. „Nicht mal einen harmlosen Gewinn dürfen wir einlösen.“
„Du hast nur kein Vertrauen in uns.“ Freddie verschränkte die Arme vor der Brust. „Was glaubst du denn, was da passiert? Wir gehen nur segeln und wir sind schließlich zu zweit.“
Mona schüttelte den Kopf. „Natürlich habe ich Vertrauen in euch. Ich kenne euch auch schon ein bisschen länger. Aber wer garantiert mir, dass ich diesem Jan trauen kann?“
Sie stand auf und drehte lächelnd die Musikanlage etwas lauter. „Kopf hoch, Mädels. Ihr werdet euch in den Sommerferien bestimmt nicht langweilen.“

4.

Vivian lehnte an der rissigen Borke einer alten Kopfweide. Im Hintergrund kämpfte sich ein mit Kies beladenes Binnenschiff gegen die Strömung des Rheins in Richtung Bonn. Sascha, breitschultrig und mit einem T-Shirt, das seinen Bizeps betonte, stützte sich mit einer Hand am Stamm ab, mit der anderen fuhr er Vivian zärtlich durch die lockigen Haare.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie legte den Kopf in den Nacken und schluckte. „Ich liebe dich, Pietro. Egal, was die anderen sagen.“
„Ich liebe dich auch.“ Sascha zog sie an sich, presste seinen Mund auf ihre Lippen, und Vivian schloss die Augen.
„Cut!“ Der Aufnahmeleiter stand von seinem Stuhl auf. „Jetzt brauche ich dringend einen Kaffee. Saukalt ist es hier.“ Er rieb die Hände aneinander und verließ das Set.
Vivian blieb eng umschlungen mit ihrem Filmpartner am Baum stehen. Hatte sie nicht bemerkt, dass die Szene zu Ende war? Oder wollte sie ihn etwa eifersüchtig machen mit diesem Sascha? Jan, der die Szene vom Rande des Sets beobachtet hatte, grinste in sich hinein. Erst als einige Pfiffe ertönten, löste Vivian die Lippen von ihrem Seriengeliebten. Sie strich sich über die zerzausten Haare und blinzelte ihre Kollegen an.
„Leute, das nenne ich eine vorbildliche Arbeitsmoral“, rief der Kameramann und lachte. „Da kann sich der Schnitt die Sahnestückchen raussuchen.“
Vivian blickte sich suchend um, bis sie Jan entdeckte.
„Super, dass du es geschafft hast!“, rief sie und lief auf ihn zu. „Ich habe eine tolle Neuigkeit für dich, du wirst Augen machen.“
Sie führte ihn zu dem kleinen Wohnwagen, in dem sich die weiblichen Darsteller umziehen konnten. Nach dem feuchtfrischen Wind am Rheinufer war es darin angenehm warm. Laura Carstens, in der Serie Vivians Gegenspielerin, saß in einer Ecke und blätterte sichtlich gelangweilt in einem Magazin.
Jan und Vivian setzten sich auf die einander gegenüberliegenden Bänke.
„Ich muss auch mit dir reden“, begann er, aber sie zappelte wie ein Kind, das darauf wartete, seine Geschenke auspacken zu dürfen.
“Schatz, lass mich zuerst, bitte. Also, ich habe letzte Woche mit dem Aufnahmeleiter gesprochen und heute früh hat er gemeint, es wäre gar kein Problem für mich, in der letzten Juliwoche, in der du Urlaub hast, ebenfalls ein paar Tage freizubekommen.“ Sie strahlte ihn an. „Was hältst du von den Malediven? Oder Hawaii?“
Jan atmete tief durch. Jetzt musste er Klartext reden, bevor sie sich weiter in die Vorstellung hineinsteigerte, er würde mit ihr gemeinsam verreisen.
„Das ist keine so gute Idee“, begann er vorsichtig. „Du weißt doch, dass ich in den Tagen vor der Tournee Ruhe brauche. Der Stress mit dem neuen Album war ziemlich heftig, und ich brauche eine kleine Auszeit, bevor es im August losgeht.“
„Was ist mit dir?“ Sie zog die Augenbrauen hoch. „In letzter Zeit habe ich das Gefühl, ich kann dir nichts recht machen. Hast du dir wenigstens das mit der Gastrolle überlegt? Gestern Abend bist du ja einfach so abgehauen.“
Jan spürte wieder den Ärger in sich aufsteigen. Sie schien wirklich nichts begriffen zu haben. Er atmete tief ein.
„Vergiss es.“
„Was? Den Urlaub oder die Gastrolle?“
„Beides.“
„Aber Schatz, das ist eine einmalige Gelegenheit. Wir beide zusammen am Set. Was meinst du, wie supi das bei den Fans ankommt!“ Sie legte die Hand auf seinen Arm. „Es wird dir bestimmt gefallen. Außerdem habe ich vorhin so gut wie zugesagt, dass du mitmachst.“
„Stopp. Es reicht. Ich will das nicht und ich mache das nicht!“ Um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, hieb er mit der flachen Hand auf die Tischplatte.
Vivian fuhr erschrocken zurück.
„Ich bin kein Schauspieler, und ich werde nicht vor eurer verdammten Kamera irgendwelche Mätzchen machen. Wie kommst du überhaupt dazu, so etwas anzuleiern, obwohl du genau weißt, wie ich dazu stehe?“ Die Frau machte ihn wahnsinnig. Warum konnte sie nicht begreifen, geschweige denn akzeptieren, dass er es nicht wollte?
Vivian starrte ihn an. Die Tränen, die spontan in ihren Augenwinkeln aufblitzten, schienen nur auf ihren Auftritt gewartet zu haben. „Aber … ich dachte, wir …“
Jan drehte sich um. „Laura, lässt du uns mal für einen Moment allein?“
Laura erhob sich sichtlich widerwillig, entweder wegen der draußen herrschenden kühlen Witterung oder weil sie dem Zwiegespräch, das spannend zu werden versprach, weiter zuhören wollte. Sie legte sich eine Jacke um die Schultern, stieg aus dem Wagen und schloss die Tür.
Jan wusste, was folgte. Jede Menge Tränen und ein schlechtes Gewissen seinerseits, weil er nicht verhindern konnte, ihr weh zu tun. Doch er sah keine gemeinsame Zukunft mehr mit ihr, und darum war spätestens jetzt der Zeitpunkt für die Wahrheit gekommen.
Er beugte sich vor und berührte kurz ihre Hand. „Vivi, mir ist in den letzten Tagen einiges klar geworden. Ich möchte …“ Er räusperte sich. „Es funktioniert nicht mit uns beiden.“
„Wwwas … was heißt das?“ Ihre Stimme war tränenerstickt.
„Wir sollten uns trennen.“
„Aber warum denn? Habe ich etwas falsch gemacht? Oder …“, sie schniefte, „… hast du eine andere?“
Er schüttelte den Kopf. „Hab ich nicht. Du hast auch nichts falsch gemacht. Es ist nur so … Ich hätte es dir schon längst sagen sollen.“ Er rieb sich mit der Hand über den Nacken. „Es wäre nicht fair. Ich kann deine Zuneigung nicht so erwidern, wie du es dir vorstellst.“
Vivian zuckte zusammen. „Du liebst mich nicht mehr.“
„Ich habe nie gesagt, dass ich dich liebe.“ Jan fuhr sich durch die Haare. Warum war es nur so verdammt schwierig, die richtigen Worte zu finden? „Du hast von unserer Beziehung eine ganz andere Vorstellung als ich. Wir kennen uns jetzt seit gut drei Monaten, und in dieser Zeit hast du mich gefühlte hundert Mal zu irgendeiner Party geschleppt oder deine Bude war voll mit Kollegen und sogenannten Freunden.“
„Was ist denn daran so schlimm? Ich gehe halt gerne mit dir aus, ich mag mich nicht verstecken.“
„Ich fühle mich aber nicht wohl dabei. Von einer Beziehung habe ich mir mehr Zweisamkeit erhofft, mehr Gespräche oder auch gemeinsame Unternehmungen, die nichts mit der Öffentlichkeit zu tun haben. Warum, glaubst du, bin ich so gerne in Holland in meinem Haus? Da kann ich auftanken, entwickle Ideen für neue Songs …“
„Aber da werden abends die Bürgersteige hochgeklappt“, unterbrach ihn Vivian. „Das Wochenende, das wir dort verbracht haben, war echt langweilig. Wenn du unbedingt willst, können wir natürlich im Urlaub auch …“
Jan schüttelte den Kopf.
Sie nahm seine Hand. „Bitte, Schatz, ich verspreche dir, dich nicht mehr auf so viele Partys zu schleppen und …“
„Vivi, du hast nicht verstanden, was ich sagen wollte.“ Jan atmete tief ein. „Es ist aus. Vorbei. Ich will nicht mehr.“
Vivian starrte ihn an, als hätte er sie geschlagen. Langsam quollen die Tränen aus ihren Augen und rannen über die dick aufgetragene Schminke.
„Du hast doch eine andere“, schniefte sie. „Eine, die auch lieber in so einem alten Haus rumsitzt.“
Jan schüttelte den Kopf. „Glaub mir, wir beide sind zu unterschiedlich gestrickt. Wir haben keinerlei Gemeinsamkeiten und würden uns mit der Zeit immer mehr anöden oder auch streiten.“
Vivian zog ein Taschentuch aus einem Papierspender und schnäuzte sich die Nase. „Du … du … bihistgggemein“, schluchzte sie weiter. „Sag mir die … die Wahrheit. Wie heißt sie?“
Jan seufzte. Sie würde es nie verstehen, also beschloss er, ihr eine Lüge aufzutischen, die sie eher glauben konnte. Er betrachtete die Wand hinter ihr, denn er mochte ihr jetzt nicht in die Augen sehen. „Du hast recht, es gibt eine … andere Frau.“
Vivian schüttelte sich und schluchzte laut auf.
Bei ihrem Anblick empfand er nur Mitleid, andere Gefühle für sie waren längst auf der Strecke geblieben. Er widerstand dem Impuls, sie tröstend in den Arm zu nehmen, und beschränkte sich darauf, ihr ein weiteres Taschentuch zu reichen und ihr ein Glas Mineralwasser einzuschenken.
„Wie lange geht das schon?“, flüsterte sie nach einigen Schlucken.
„Noch nicht lange“, antwortete er.
Schon ewig, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf.
Vivians Blick klebte auf dem zerkratzten Laminat des Wohnwagens. Sie schluchzte immer wieder auf, ihre Schultern zuckten. „Kenne ich sie?“
„Nein.“ Er zwang sich zu einem ruhigen Ton, als er aufstand. „Du kennst sie nicht. Du solltest aber wissen, dass ich dich nie betrogen habe, denn bis jetzt bin ich mit der … anderen nicht zusammen.“ Dass er sie belügen musste, verursachte ihm Bauchschmerzen, aber er wusste sich nicht anders zu helfen.
„Wenn du noch nicht mit dieser … dieser anderen zusammen bist, haben wir eine Chance. Was muss ich tun, Jan?“ Ihre Stimme brach. „Sag es mir, ich kann mich ändern.“
„Gar nichts kannst du tun. Gefühle kann man nicht erzwingen.“
Sie hob den Kopf. Ihre Augen waren rotgerändert und die Wimperntusche schwarz verschmiert.
„Oder bist du eifersüchtig? Ist es das?“ Beinahe flehentlich sah sie ihn an. „Ist es, weil ich am Set auch mal einen anderen Typen küssen muss?“
Er würde sie nicht über Sascha aufklären. Bis jetzt wusste niemand aus ihrer Crew, dass Vivians Filmpartner schwul war. Und er war nicht so indiskret, weiterzugeben, was er von Harald erfahren hatte. Wenn Vivian es wusste, würden es bald alle erfahren.
„Du begreifst es wirklich nicht.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht eifersüchtig. Wir passen nicht zusammen, das ist alles. Du siehst etwas in mir, das ich nicht bin. Und ich kann dir nicht das geben, was du brauchst.“
Sie griff nach einem weiteren Taschentuch und schnäuzte sich kräftig.
Die Tür wurde aufgerissen.
„Vivian, du bist in der nächsten … Oh verdammt, wie siehst du aus? Was ist denn mit dir passiert?“
Vor ihnen stand die Aufnahmeleiterin mit einem Klemmbrett unter dem Arm.
„Ab in die Maske mit dir. Und du“, sie musterte Jan mit giftigem Blick, „verschwindest besser. Mach mir das Mädchen nicht verrückt.“
Vivian stand auf. „Keine Chance?“
Jan schüttelte den Kopf.
„Scheißkerl“, presste sie heraus, bevor die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss schlug.