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“Wie bist du bloß auf die Idee gekommen,
einen Roman zu schreiben?”

Wer mich näher kennenlernen möchte, dem sei hier ein Interview empfohlen, das Jörg Tomzig vom Niersradio mit mir gemacht hat.

 

Es soll Autoren geben, denen der Wunsch dazu bereits in die Wiege gelegt wurde. Die es immer schon wussten und nie etwas anderes in Erwägung gezogen haben. Nun, zu denen gehöre ich definitiv nicht.

Meinen inneren Drang nach Kreativität habe ich zunächst anders ausgelebt, beim Klavierspielen beispielsweise, was ein eher frust- als lustvolles Unterfangen war. Ich habe geschneidert, Gärten gestaltet, gemalt und letztendlich fotografiert. Über das Fotografieren kam ich zur Videobearbeitung und so habe ich viele Jahre in dem Glauben gelebt, meine Familie und die Sommerurlaube auf einem Segelboot seien ausreichende Motive für meine Film-Leidenschaft.
Bücher faszinierten mich schon als kleines Kind und nachdem ich endlich lesen konnte, gehörte ich zur  Spezies der leidenschaftlichen Buchstabenfresser. Das Lesen von Büchern gehörte für mich definitiv zu den Dingen des Lebens, die so essentiell waren wie Essen und Trinken – zwar lebensnotwendig, aber nichts, was man selber gestaltete. Das Schlüsselerlebnis vom lesenden zum schreibenden Menschen hatte ich im Dezember 2010. Nachdem ich die letzte Seite meines Liebesromans verschlungen hatte, meinte mein Mann, ich hätte jetzt wahrscheinlich alles gelesen, was der Büchermarkt hergibt und was ich tun würde, wenn es keinen Nachschub gäbe.
„Dann schreib ich mir meinen Roman eben selbst.“
Dass diese Antwort der Grundstein für meine schriftstellerische Laufbahn werden würde, hatte ich damals natürlich nicht vermutet. Der Besuch eines Rockkonzerts war dann die Inspirationsquelle für meine ersten Ideen.
Blauäugig setzte ich mich an den Computer, fing zaghaft an zu tippen und war plötzlich so gefangen in meiner eigenen Geschichte, dass mir die Zeit davonlief. Eine Zeile ergab die nächste und nach ein paar Tagen las ich meiner Familie ganz euphorisch das erste Kapitel meines Romans vor. Über die Reaktionen von “geht so” bis “boah, wie peinlich” war ich zwar leicht frustriert, fühlte mich jedoch gleichzeitig dadurch angestachelt.
Heute kann ich über das damals Geschriebene nur noch lächeln, doch die Grundidee ist geblieben, die Four Lives Trilogie ist so entstanden.

 

Wovon ich träume …

In einem sonnendurchfluteten Raum zu sitzen, der mir allein gehört. Von einem nagelneuen Computer, natürlich mit einer ergonomisch geformten Tastatur. Unter mir befindet sich ein ebenso ergonomisch an meinen verlängerten Rücken angepasster Arbeitsstuhl. Auf dem Schreibtisch wartet griffbereit eine Tasse mit frisch aufgebrühtem Kaffee, der niemals kalt wird …
Und meine Muse küsst mich. Nein, sie knutscht mich so heftig, dass die Ideen nur so aus mir heraussprudeln. Meine Finger fliegen wie von selbst über die Tasten, füllen Reihe um Reihe, Seite um Seite.
Es ist mucksmäuschenstill. Selbst das Telefon schweigt …

So weit die Vorstellung, doch wie sieht es mit der Wirklichkeit aus?

 

Ein ganz normaler Sonntag …

Nehmen wir einen beliebigen Sonntag aus meinem Leben. Beliebig deswegen, weil sich die meisten Sonntage gleichen wie eine leere Seite der anderen.
Bereits am Samstagabend nehme ich mir vor, an meinem Roman weiter zu schreiben, dessen Inhalt mein Herz, meine Gedanken und meine Freizeit ausfüllt. Wie immer beschließe ich, diesmal länger an meinem Manuskript zu arbeiten als nur kurz vor dem Morgengrauen oder abends spät, wenn meine Lieben im Bett sind.
Dass ich am Sonntagmorgen erst um neun Uhr aufwache, ist nicht weiter tragisch, es ist ja schließlich noch Zeit satt. Damit mein innerer Schweinehund nicht zu laut bellt, schwitze ich bis elf Uhr im Fitnessstudio, da man als Schreibtischtäterin schnell einen breiten Hintern bekommt, wenn man zu lange vor dem Rechner sitzt. Danach wird mit der Familie ein spätes Frühstück eingenommen und anschließend muss ich noch kurz bei meinem Vater vorbeifahren, um sein Problem mit dem neuen Notebook zu lösen.
Jetzt bin ich endlich zu Hause und ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass es schon halb vier am Nachmittag ist. Ich verinnerliche, dass die Schreibzeit, die mir noch zur Verfügung steht, auf drei Stunden geschrumpft ist. Eilig fahre ich den Rechner hoch, positioniere einen großen Becher Kaffee in Reichweite und verkünde lautstark, dass ich ab sofort nicht mehr gestört werden möchte.
Egal was passiert.
„Kein Problem“, meint mein Mann, „du willst ja schließlich mit deinem Roman weiterkommen.“
Der Nachwuchs ist unpädagogisch vor dem Fernseher geparkt und ich kann endlich anfangen. Herrliche Ruhe. Nachdem ich mir die letzte Szene noch einmal durchgelesen habe, arbeitet mein Kopfkino wieder auf Hochtouren und ich bin mit Herz und Gehirn mitten in meinem Manuskript. Meine Protagonistin, die heute noch mit dem Helden der Geschichte, einem schönen jungen Mann verbandelt werden soll, sitzt erwartungsvoll auf dem Sofa. Er nähert sich ihr, ein Glas Sekt in der Hand. Damit er bei seiner Traumfrau möglichst schnell landen kann, muss ich ihm nur noch die richtigen Worte in den Mund legen.

Coffee and laptop„Maamaa!“ Schwungvoll öffnet sich die Tür zu meinem Refugium und ein blonder Lockenkopf erscheint. „Wo sind meine Fußballschuhe?“
Mein Herzschlag beschleunigt sich, ich versuche, meinen Blick nicht von den Buchstaben am Monitor zu lösen. „Weiß ich nicht, such selber.“
Die Tür knallt ins Schloss, der zukünftige Fußballprofi verschwindet und schlurft maulend den Flur entlang in sein Zimmer. Weiter im Text. Mein Held hat sich neben seiner Angebeteten niedergelassen und legt ihr den Arm um die Schultern. Die richtigen Worte fehlen ihm allerdings noch immer.
Die Bürotür fliegt schon wieder auf. „Mama, wenn ich meine Schuhe nicht finde, kann ich nicht mitspielen. Du hast sie weggeräumt.“
Genervt und demonstrativ stöhnend erhebe ich mich, suche zehn Minuten lang Fußballschuhe, um sie letztendlich im Schuhschrank zu finden. Mein Blutdruck ist inzwischen so weit angestiegen, dass es keine Rolle mehr spielt, dass mein Kaffee kalt geworden ist.
Weiter im Text. Plötzlich küsst mich doch tatsächlich meine Muse. Eine Idee ist geboren. Nichts wie aufschreiben, bevor sie sich wieder verflüchtigt. Nach drei Zeilen öffnet sich erneut die Tür hinter meinem Rücken.
„Schatz, ich fange schon mal mit dem Abendessen an. Soll ich Kartoffeln oder Nudeln zu den Schnitzeln machen?“
„Ist mir egal. Lass mich weiter schreiben. So kann ich mich nicht konzentrieren.“
„Jetzt nehme ich dir schon die Kocherei am Sonntag ab …..“ Ein grummelnder Ehemann verlässt das Büro.
Wo bin ich denn jetzt stehen geblieben? Im Bett? Nein, sie sitzen immer noch brav auf dem Sofa. Was wollte ich denn eben schreiben? Verflixt, wenn man nicht alles sofort festhält. Langsam nähere ich mich wieder dem Innenleben meiner Protagonistin, versetze mich in ihre Gedanken, fühle mit ihr, gebe ihr Herzklopfen und …
Das Telefon klingelt. Ich halte mir die Ohren zu, bin aber wieder aus dem Konzept. Kurze Zeit später, das Sofa ist immer noch Schauplatz des Geschehens, kommt mein Mann erneut ins Büro.
„Das war deine Mutter, du sollst sie anrufen, wenn du fertig bist.“
Fertig? „Sag ihr, ich melde mich nächstes Jahr.”
Wiederum brauche ich einige Minuten, um mich in die Liebesszene hineinzuversetzen, als im Treppenhaus ein ohrenbetäubender Lärm ausbricht. Es scheppert und knallt. Mein Adrenalinspiegel steigt proportional zu meinem Blutdruck. Ich stürze hinaus und stehe vor meiner total aufgelösten Nachbarin. Der bis oben hin gefüllte Mülleimer ist ihr aus den Händen gerutscht und sein übel riechender Inhalt kullert und fließt die Stufen hinunter. Ich schwanke zwischen Hilfsbereitschaft und dem Pflichtbewusstsein meinem Manuskript gegenüber und überlasse sie Chaos und Gestank.
Mit einem schlechten Gewissen wegen unterlassener Hilfeleistung kehre ich in mein Büro zurück und bewundere wieder einmal den Bildschirmschoner mit den letzten Urlaubsaufnahmen. Schon seit über einer Stunde sitze ich jetzt hier und was habe ich geschafft? Nicht mehr als einen einzigen Absatz, den man rein schreibtechnisch in drei Minuten hätte tippen können. Seufzend starte ich einen weiteren Versuch. Bis mein Handy klingelt, welches ich unvorsichtigerweise nicht ausgeschaltet habe.
Unbekannter Anrufer, zeigt mir das Display. Da ich ein von Natur aus wissbegieriger, um nicht zu sagen neugieriger Mensch bin, muss ich natürlich wissen, wer sich hinter diesem unbekannten Anrufer verbirgt.
Meine Mutter. „Wusste ich doch, dass du zu Hause bist. Nie meldest du sich bei mir.“
Wahrscheinlich ist ihr entfallen, dass wir jeden Tag miteinander telefonieren. Nur heute noch nicht. Schweigend höre ich ihr zu, um nach gefühlten Stunden den Monolog über die Gebrechen ihrer Nachbarn und dem verdorbenen Magen ihrer Katze unter einem Vorwand abzubrechen.
Ich starre auf den Bildschirm. Der letzte Satz, den ich vor fast einer Stunde geschrieben habe, starrt vorwurfsvoll zurück. Das Kopfkino will nicht mehr. Ich allerdings auch nicht. Sendepause. Ich zappe ein wenig herum, besuche unter dem Vorwand der Recherche Google und Facebook, um dann plötzlich festzustellen, dass mein Mann hinter mir steht. Interessiert betrachtet er den Monitor.
„Schatz, ich dachte, du schreibst einen Roman?“

 

 

 

 

 

 

 

 

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